Lippeverband wird 100 Jahre jung

In Soest nahm das Wasserwirtschaftsunternehmen 1932 seine erste Kläranlage in Betrieb. In Zukunft soll an dem Standort Wärme aus Abwasser gewonnen werden – mit dem Klärwerk als wichtigem Baustein des Wärmequartiers Paradieser Weg

Soest. Der Lippeverband feiert in wenigen Tagen sein 100-jähriges Bestehen: Am 19. Januar 1926 erfolgte der Erlass des Lippe-Gesetzes – es gilt als die Geburtsstunde des Lippeverbandes. Die Stadt Soest spielt in der Geschichte des öffentlich-rechtlichen Wasserwirtschaftsunternehmens eine Hauptrolle: Hier wurde 1932 das erste Klärwerk des Lippeverbandes in Betrieb genommen. Und auch in der Zukunft kommt der Anlage eine besondere Bedeutung zu. Im Rahmen der laufenden Planungen des Lippeverbandes zur Erneuerung des Standortes haben sich interessante Synergiepotentiale mit dem Vorhaben „Wärmequartier Paradieser Weg“ ergeben.  Das Klärwerk wird zu einer Art Kraftwerk entwickelt, indem aus Abwasser zukünftig Wärme produziert wird – diese wird dann in ein eigenes Netz für ein neues Wärmequartier eingespeist.

Seit 100 Jahren nimmt der Lippeverband in der Region – und für die Menschen in der Region – unverzichtbare Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge wahr. Dazu gehören unter anderem die Abwasserentsorgung sowie der Hochwasserschutz. Darüber hinaus gehen die wasserwirtschaftlichen Maßnahmen des Lippeverbandes immer auch mit einer städtebaulichen Entwicklung der Quartiere entlang der Gewässer einher. Mit dieser Verzahnung von Wasserwirtschaft und Städtebau verfolgt der Lippeverband im Schulterschluss mit seinen Mitgliedskommunen eine Verbesserung der Lebens- und Aufenthaltsqualität für die Bevölkerung in der Region. Der Betrieb von modernen Abwasserkanälen, Pumpwerken, Kläranlagen und Hochwasserschutzeinrichtungen bildet den Dreh- und Angelpunkt einer sozial-ökologischen Transformation: „Die Renaturierung von einst  technisch überformten Flüssen und Bächen ermöglicht die Rückkehr von blaugrünem Leben in diese Gewässer sowie eine verbesserte Erleb- und Erfahrbarkeit  dieser neuen Naherholungsorte für die Menschen. Unser Selbstverständnis als Infrastrukturdienstleister für unsere Mitglieder hat sich in den vergangenen 100 Jahren nicht geändert. Das Wohl der Allgemeinheit steht dabei für uns nach wie vor an erster Stelle“, sagt Prof. Dr. Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender des Lippeverbandes.

Das Wirken des Lippeverbandes in Soest
In Soest ging im Jahr 1932 die erste vom Lippeverband errichtete Kläranlage in Betrieb. Die Reinigung des Abwassers diente seinerzeit dem Schutz der Ahse. Die Anlage wurde zuletzt 2003 ausgebaut – sie ist heute ausgelegt für 115.000 Einwohnerwerte (Menschen plus Industrieunternehmen). Im Jahr 2024 wurden in Soest 8.138.379 Kubikmeter Abwasser gereinigt.

Im kommenden Jahr wird eine weitere Premiere in Soest anstehen, wenn das Klärwerk zu einem „Wärme-Kraftwerk“ entwickelt wird. Im Rahmen der laufenden Planungen des Lippeverbandes zur Errichtung einer Vierten Reinigungsstufe haben sich interessante Synergiepotentiale mit dem Vorhaben „Wärmequartier Paradieser Weg“ ergeben. Zum Hintergrund: Eine Vielzahl kommunaler Gebäude nördlich des Paradieser Weges in Soest steht vor umfangreichen energetischen Sanierungsmaßnahmen. Aus diesem Grund haben die Stadtwerke Soest gemeinsam mit der Stadt Soest und dem Kreis Soest vereinbart, die Umsetzung eines effizienten Wärmequartiers in diesem Gebiet zu prüfen. Entlang des Paradieser Weges soll ein neues Wärmequartier entstehen, das einen bedeutenden Schritt für die Stadt Soest auf dem Weg zu einer klimaneutralen Kommune darstellen wird. Dieses Quartier soll weitestgehend aus regenerativen Energien gespeist werden. Einen wesentlichen Baustein liefert dabei der Lippeverband, indem auf seiner Kläranlage dem gereinigten – und konstant warmen – Abwasser vor der Einleitung in den Soestbach Wärme entzogen wird, die dann in einer Wärmezentrale aufbereitet wird und in das neue separate Nahwärmenetz des Wärmequartiers einspeist. Federführend bei dem Gesamtprojekt – Projektierung und später Umsetzung – sind die Stadtwerke Soest.

Wärme aus Abwasser: Die Potenziale der Aquathermie
Duschen, Kochen, Putzen – alltägliche Vorgänge, bei denen jedes Mal Abwasser anfällt. Was dann in den unterirdischen Kanälen verschwindet und am Ende in der Kläranlage landet, ist weit mehr als ein Abfallprodukt: Der stetige Strom an Abwasser ist besonders aufgrund seiner konstant hohen Temperatur eine verlässliche Energiequelle. Bisher spielt Abwasser in der Debatte zur Energiewende noch eine untergeordnete Rolle. Dabei liegen die Vorteile auf der Hand: Abwasser wird es immer geben. Es ist eine lokale, sichere, regenerative und langfristig verfügbare Energiequelle und unkompliziert nutzbar.

Mit seiner hohen Bevölkerungsdichte und der daraus resultierenden Dichte des Kanalnetzes in Verbindung mit mehreren Großkläranlagen ist die Emscher-Lippe-Region wie keine andere Region in Deutschland dafür geeignet, mit Abwasserwärme zu heizen und zu kühlen. Mehrere Hundert Kilometer dieses dichten Kanalnetzes gehören Emschergenossenschaft und Lippeverband (EGLV) – und jeder dieser Kanäle ist eine potenzielle Wärme-Autobahn. Wenn nur zehn Prozent der potenziellen Abwasserwärme genutzt würden, könnte das EGLV-Kanalnetz den Wärmebedarf einer mittelgroßen Stadt mit zirka 30.000 Einwohner*innen decken. Betrachtet man zusätzlich auch die Kläranlagen von EGLV, fällt das Wärmepotenzial noch einmal deutlich größer aus.

Nicht nur ökologisch liegt hier also ein Schatz, den es zu heben gilt. Auch ökonomisch ist die Abwasserwärmenutzung eine ernst zu nehmende Alternative zu fossilen Energieträgern und liefert zuverlässig ein hohes Wärmepotenzial. Vor allem die Kommunen stehen aktuell angesichts hoher Energiepreise vor der Herausforderung, eine Wärmeplanung aufzustellen. Abwasserwärme kann einen nachhaltigen und effizienten Baustein eines ganzheitlich betrachteten, kommunalen Wärmekonzepts bilden. In Soest wird die Chance nun genutzt.

Konzept für die Kläranlage Soest
Das Konzept des Lippeverbandes und seiner Partner auf der Kläranlage Soest sieht vor, dass die Abwasserwärme-Nutzung im Bereich des Ablaufs der Kläranlage ansetzt. Hier hat das Abwasser eine konstante Temperatur zwischen 10 und 18 Grad Celsius. Über die Installation eines Wärmetauschers im Abwasserstrom könnten hier zirka vier Grad Celsius entzogen werden, woraus sich nach den Berechnungen ein Wärmepotenzial von mehr als 20 Gigawattstunden pro Jahr bei einem regulären Trockenwetterabfluss von rund 220 Liter pro Sekunde ergibt.

Die Installation der Aquathermie will der Lippeverband parallel zu den ohnehin vorgesehenen Ausbauarbeiten auf der Kläranlage Soest umsetzen, denn das Werk erhält eine sogenannte Vierte Reinigungsstufe zur gründlicheren Elimination von Mikroverunreinigungen wie zum Beispiel Medikamentenresten im Abwasser. Mitte 2030, so sehen es die aktuellen Planungen vor, soll die weitergehende Klärstufe (Ozonierung mit nachgeschalteter biologisch aktiver Sandfiltration) in Betrieb gehen.

Über die weiteren Schritte auf dem Weg zur Abwasserwärme-Nutzung auf der Kläranlage Soest werden der Lippeverband und seine Partner die Öffentlichkeit informieren.

Infokasten:

Der Lippeverband
Der Lippeverband wurde vor 100 Jahren – am 19. Januar 1926 – gegründet, um die Folgen der Industrialisierung und des Bergbaus in Einklang mit der Natur, der Gesundheit und der Lebensqualität der Menschen zu bringen. Der Verband konnte ohne größere Zeitverluste seine Aufgaben angehen, da sich die Verbandsorgane entschlossen hatten, die Geschäftsführung mit der bereits 1899 gegründeten Emschergenossenschaft zu vereinigen. Man vermied dadurch den Aufbau einer eigenen Verwaltung. Sitz des neuen Verbandes wurde Dortmund. Dort war die Sesekegenossenschaft ansässig, die bereits 1913 nach Vorbild der Emschergenossenschaft gebildet worden war und nun im Lippeverband aufging. Zuständig war der Lippeverband nicht für das gesamte Lippe-Gebiet ab der Quelle, sondern für den industriell stark geprägten Raum von Lippborg bis Wesel – inklusive der Nebenlaufgebiete. Bis heute lebt der Lippeverband als öffentlich-rechtliche Einrichtung das Genossenschaftsprinzip als Leitidee des eigenen Handelns. Weitere Informationen zum Lippeverband sowie zu Veranstaltungen rund um das 100-jährige Bestehen finden interessierte Bürgerinnen und Bürger ab dem 19. Januar 2026 auf jubilaeum.eglv.de.