Lippeverband wird 100 Jahre jung
In Bad Sassendorf wurde das Klärwerk vor 16 Jahren als erste Abwasserreinigungsanlage des Wasserwirtschaftsunternehmens mit einer vierten Reinigungsstufe ausgestattet
Bad Sassendorf. Der Lippeverband feiert in wenigen Tagen sein 100-jähriges Bestehen: Am 19. Januar 1926 erfolgte der Erlass des Lippe-Gesetzes – es gilt als die Geburtsstunde des Lippeverbandes. Eines der bekanntesten Projekte des öffentlich-rechtlichen Wasserwirtschaftsunternehmens in Bad Sassendorf ist die Erweiterung der Kläranlage um eine weitergehende Reinigungsstufe, mit der Mikroverunreinigungen besser herausgefiltert werden können.
Seit 100 Jahren nimmt der Lippeverband in der Region – und für die Menschen in der Region – unverzichtbare Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge wahr. Dazu gehören unter anderem die Abwasserentsorgung sowie der Hochwasserschutz. Darüber hinaus gehen die wasserwirtschaftlichen Maßnahmen des Lippeverbandes immer auch mit einer städtebaulichen Entwicklung der Quartiere entlang der Gewässer einher. Mit dieser Verzahnung von Wasserwirtschaft und Städtebau verfolgt der Lippeverband im Schulterschluss mit seinen Mitgliedskommunen eine Verbesserung der Lebens- und Aufenthaltsqualität für die Bevölkerung in der Region. Der Betrieb von modernen Abwasserkanälen, Pumpwerken, Kläranlagen und Hochwasserschutzeinrichtungen bildet den Dreh- und Angelpunkt einer sozial-ökologischen Transformation: „Die Renaturierung von einst technisch überformten Flüssen und Bächen ermöglicht die Rückkehr von blaugrünem Leben in diese Gewässer sowie eine verbesserte Erleb- und Erfahrbarkeit dieser neuen Naherholungsorte für die Menschen. Unser Selbstverständnis als Infrastrukturdienstleister für unsere Mitglieder hat sich in den vergangenen 100 Jahren nicht geändert. Das Wohl der Allgemeinheit steht dabei für uns nach wie vor an erster Stelle“, sagt Prof. Dr. Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender des Lippeverbandes.
Das Wirken des Lippeverbandes in Bad Sassendorf
Seit 1990 betreibt der Lippeverband die Kläranlage Bad Sassendorf. Dort sind im Jahr 2024 insgesamt 2.422.344 Kubikmeter Abwasser gereinigt worden. Die Anlage ist ausgelegt für 13.000 Einwohnerwerte (Menschen plus Industrieunternehmen). Das Besondere an dem Klärwerk ist, dass es vor zirka 16 Jahren als erste Abwasserreinigungsanlage des Lippeverbandes mit einer vierten Reinigungsstufe ausgestattet wurde – und das aus einem besonderen lokalspezifischen Grund! Als Standort für die Pilot-Anlage wurde gezielt Bad Sassendorf ausgewählt: Erstens gibt es dort kaum industriell-gewerbliches Abwasser, das den testweisen Einsatz von Ozon in der kommunalen Abwasserbehandlung stören würde. Zweitens weist die Gemeinde bereits heute eine Altersstruktur auf, wie sie aufgrund des demografischen Wandels im übrigen Nordrhein-Westfalen erst in 30 bis 40 Jahren erwartet wird. Die aktuelle Altersstruktur sowie die hohe Krankenhausdichte (1200 Betten in sechs Kliniken bei 12.000 Einwohnern) können zu entsprechend hohen Arzneimittelfrachten im Abwasser führen.
Im November 2009 nahm der Lippeverband seine Kläranlage in Bad Sassendorf, die mit einer Ablauf-Ozonierung zur intensiveren Abwassereinigung erweitert wurde, offiziell in Betrieb. Organische Spurenstoffe, insbesondere die Rückstände von Arzneimitteln, sollten fortan gezielt eliminiert werden.
Über Spurenstoffe im Abwasser war zuvor in der Öffentlichkeit viel diskutiert worden – insbesondere, weil die Analytik seit wenigen Jahren auch geringe Konzentrationen nachweisen konnte. Die Quellen für solche Mikroverunreinigungen sind vielfältig: Es kann sich um Hormone, Arzneimittel, Kosmetika, Pflanzenschutzmittel, industrielle Grundstoffe und Veredelungsstoffe wie Flammschutzmittel und Beschichtungen handeln. Insgesamt sind rund 100.000 verschiedene Chemikalien in der EU gemeldet, hinzukommen etwa 3000 zugelassene Arzneimittelstoffe.
Spurenstoffe sind allgegenwärtig. Insbesondere dann, wenn sie natürlichen Ursprungs sind. Vom Menschen eingebrachte gefährliche Stoffe sind zu vermeiden beziehungsweise so zu reduzieren, dass sie unkritisch sind. Auf der anderen Seite wollte der Lippeverband im Rahmen seiner Aufgabe als Betreiber von Kläranlagen praktische Erfahrungen und Erkenntnisse dazu sammeln, welche Möglichkeiten, welche Grenzen und welche Kosten bei der Entfernung dieser Stoffe aus dem Wasserkreislauf eine Rolle spielen.
Die Ozonanlage in Bad Sassendorf wurde von April bis Oktober 2009 errichtet. Die Kosten für Bau-, sowie Maschinen- Elektro- und Regelungstechnik lagen bei rund 900.000 Euro. Die Investitionen wurden mit knapp 580.000 Euro aus dem Investitionsprogramm Abwasser NRW gefördert.
Die Verfahrensweise
Durch den Einsatz von Ozon auf der Kläranlage Bad Sassendorf sollen die nach der biologischen Behandlung derzeit im Ablauf verbleibenden Spurenstoffe weitgehend oxidiert und somit abgebaut werden. Das zu behandelnde Abwasser (ausgelegt auf den Trockenwetterzufluss von 300 Kubikmeter pro Stunde) wird nach dem Ablauf der Kläranlage in einen abgedeckten Mischbehälter geleitet und dort mit Ozon versetzt. Die Aufenthaltszeit des Abwassers im 50 Kubikmeter fassenden Mischbecken beträgt je nach Zulaufmenge etwa 12 bis 15 Minuten.
Das Ozon wird mittels eines Generators durch stille Entladung aus Reinsauerstoff erzeugt. Das Endprodukt ist ein Gasgemisch aus 90 Prozent Sauerstoff und 10 Prozent Ozon und gewährleistet Ozondosen zwischen 5 und 15 g Ozon pro Kubikmeter Abwasser.
Mittlerweile wurden vierte Reinigungsstufen auch auf den Kläranlagen des Lippeverbandes in Hünxe und Dülmen errichtet. In Bad Sassendorf wurde jedoch 2009 Geschichte geschrieben – mit der ersten erweiterten Abwasserreinigung auf einer Kläranlage des Lippeverbandes.
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Der Lippeverband
Der Lippeverband wurde vor 100 Jahren – am 19. Januar 1926 – gegründet, um die Folgen der Industrialisierung und des Bergbaus in Einklang mit der Natur, der Gesundheit und der Lebensqualität der Menschen zu bringen. Der Verband konnte ohne größere Zeitverluste seine Aufgaben angehen, da sich die Verbandsorgane entschlossen hatten, die Geschäftsführung mit der bereits 1899 gegründeten Emschergenossenschaft zu vereinigen. Man vermied dadurch den Aufbau einer eigenen Verwaltung. Sitz des neuen Verbandes wurde Dortmund. Dort war die Sesekegenossenschaft ansässig, die bereits 1913 nach Vorbild der Emschergenossenschaft gebildet worden war und nun im Lippeverband aufging. Zuständig war der Lippeverband nicht für das gesamte Lippe-Gebiet ab der Quelle, sondern für den industriell stark geprägten Raum von Lippborg bis Wesel – inklusive der Nebenlaufgebiete. Bis heute lebt der Lippeverband als öffentlich-rechtliche Einrichtung das Genossenschaftsprinzip als Leitidee des eigenen Handelns. Weitere Informationen zum Lippeverband sowie zu Veranstaltungen rund um das 100-jährige Bestehen finden interessierte Bürgerinnen und Bürger ab dem 19. Januar 2026 auf jubilaeum.eglv.de.