Lippeverband wird 100 Jahre jung

In Hamm betreibt das Wasserwirtschaftsunternehmen das städtische Kanalnetz und die höchsten Flussdeiche Europas – unter anderem!

Hamm. Der Lippeverband feiert in wenigen Tagen sein 100-jähriges Bestehen: Am 19. Januar 1926 erfolgte der Erlass des Lippe-Gesetzes – es gilt als die Geburtsstunde des Lippeverbandes. In Hamm ist das öffentlich-rechtliche Wasserwirtschaftsunternehmen allgegenwärtig: Seit 2007 betreibt der Lippeverband das städtische Kanalnetz. Darüber hinaus umfasst das Wirken des Lippeverbandes in Hamm den Betrieb von Pumpwerken und Klärwerken – und der höchsten Flussdeiche Europas! Die bei den Bürgerinnen und Bürgern wohl beliebteste „Betriebsanlage“ des Lippeverbandes ist eine ganz besondere Flussquerung: die Lippe-Fähre Lupia!

Seit 100 Jahren nimmt der Lippeverband in der Region – und für die Menschen in der Region – unverzichtbare Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge wahr. Dazu gehören unter anderem die Abwasserentsorgung sowie der Hochwasserschutz. Darüber hinaus gehen die wasserwirtschaftlichen Maßnahmen des Lippeverbandes immer auch mit einer städtebaulichen Entwicklung der Quartiere entlang der Gewässer einher. Mit dieser Verzahnung von Wasserwirtschaft und Städtebau verfolgt der Lippeverband im Schulterschluss mit seinen Mitgliedskommunen eine Verbesserung der Lebens- und Aufenthaltsqualität für die Bevölkerung in der Region. Der Betrieb von modernen Abwasserkanälen, Pumpwerken, Kläranlagen und Hochwasserschutzeinrichtungen bildet den Dreh- und Angelpunkt einer sozial-ökologischen Transformation: „Die Renaturierung von einst technisch überformten Flüssen und Bächen ermöglicht die Rückkehr von blaugrünem Leben in diese Gewässer sowie eine verbesserte Erleb- und Erfahrbarkeit dieser neuen Naherholungsorte für die Menschen. Unser Selbstverständnis als Infrastrukturdienstleister für unsere Mitglieder hat sich in den vergangenen 100 Jahren nicht geändert. Das Wohl der Allgemeinheit steht dabei für uns nach wie vor an erster Stelle“, sagt Prof. Dr. Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender des Lippeverbandes. 

Das Wirken des Lippeverbandes in Hamm
In Hamm ist das Wirken des Lippeverbandes an mehreren Stellen sichtbar. Die bekannteste Aufgabe ist heutzutage sicherlich der Betrieb des städtischen Kanalnetzes. Am 1. April 2007 hatte die Kommune die Abwasserbeseitigungspflicht auf ihrem 220 km² großen Stadtgebiet mit rund 180.000 Einwohnern und 55.000 Grundstücken auf den Lippeverband übertragen. Seitdem erfolgt in Hamm die Abwasserbeseitigung aus einer Hand – die bisherigen Zuständigkeitsgrenzen zwischen der Stadt und dem Lippeverband wurden aufgehoben. Zu den Aufgaben der Abteilung „Stadtentwässerung Hamm“ zählt das Sammeln, Fortleiten, Einleiten und Versickern des in Hamm anfallenden Abwassers. Konkret beinhaltet dies:

– den Betrieb des knapp 800 km umfassenden öffentlichen Kanalnetzes mit zirka 25.000 Schachtbauwerken bzw. Kanalhaltungen,

– den Betrieb der 200 Sonderbauwerke (u.a. 100 Pumpwerke, 85 Regenwasserbehandlungs- und Regenwasserrückhaltungsanlagen),

– die Reinigung der rund 30.000 Straßeneinläufe,

– die Planung und den Bau der Investitionsmaßnahmen zum Neubau bzw. zur Erneuerung aus dem Abwasserbeseitigungskonzept der Stadt Hamm mit einem Umsatz von etwa 12,5 Millionen Euro pro Jahr,

– die Führung des Kanalkatasters u.a. zur Bestandsauskunft gegenüber den Bürgern der Stadt Hamm.

Die Aufgaben werden von insgesamt 75 Mitarbeitern erbracht. Auch in den kommenden Jahren will der Lippeverband gemeinsam mit der Stadt Hamm die wassergerechte und nachhaltige Stadtentwicklung weiter vorantreiben. Das Ziel ist es, kontinuierlich in die „unterirdische“ Infrastruktur zu investieren, ohne den Gebührenzahler dabei übermäßig zu belasten.

Pumpwerk Hamm-Herringen
Neben seiner Stadtentwässerung ist der Lippeverband in Hamm auch mit der Abteilung „Östliche Lippe“ aktiv – unter anderem betreibt der Lippeverband zahlreiche Pumpwerke zur Entwässerung von bergbaubeeinträchtigten Gebieten. Das Pumpwerk Herringer Bach ist das leistungsstärkste seiner Art in Hamm. Im Maximalfall fördert das Pumpwerk bis zu 18.200 Liter Wasser pro Sekunde in die Lippe. Gebaut wurde die Anlage 1961 gebaut, zuletzt wurde sie 2006 modernisiert. Insgesamt verfügt das Pumpwerk über acht Pumpen, die gestaffelt arbeiten: Die erste Maschine befördert 200 Liter (immer pro Sekunde), die zweite 300 Liter, die dritte 700 Liter, die vierte 1000 Liter, die fünfte und sechste Maschine pumpen jeweils 3500 Liter und die beiden Hochwassermaschinen schaffen jeweils bis zu 4500 Liter pro Sekunde weg.

Kläranlage Hamm-West
In Hamm betreibt der Lippeverband fünf Kläranlagen: Hamm-West, Hamm-Uentrop, Hamm-Pedinghausen, Hamm-Wambeln und Hamm-Mattenbecke. Das Klärwerk Hamm-West ist die größte Abwasserreinigungsanlage des Lippeverbandes in Hamm – dort wurden im Jahr 2024 insgesamt 26.076.665 Kubikmeter gereinigt. Die Anlage stammt aus dem Jahr 1998 (zuletzt 2004 ausgebaut), sie ist ausgelegt für 252.000 Einwohnerwerte (Menschen plus Industrieunternehmen). Im Durchschnitt flossen der Kläranlage im Jahr 2023 rund 985 Liter Abwasser pro Sekunde zu.

Die Grundsteinlegung für die Kläranlage Hamm-West erfolgte am 28. April 1995, der Neubau ersetzte drei Alt-Kläranlagen: Hamm-Radbodstraße, Hamm-Herringer Bach und Hamm-Bockum – sie waren mittlerweile zu klein oder bereits veraltet. Am „alten“ Standort der Kläranlage Hamm-Radbodstraße erweiterte der Lippeverband die Schlammbehandlung, die seither über eine knapp drei Kilometer lange Druckrohrleitung von der Kläranlage Hamm-West mit Schlamm beschickt wird. Mit der Neustrukturierung konnte der Lippeverband die Abwasserreinigung für große Teile des Stadtgebiets im Süden und Westen von Hamm an einem Standort zusammenfassen.

Flussrenaturierung
Wenn Wasserwirtschaft und Städtebau Hand in Hand gehen, dann entsteht Wunderbares – so wie der Erlebensraum Lippeaue in Hamm. Ende 2018 startete der Lippeverband gemeinsam mit der Stadt die bauliche Umsetzung des größten Umwelt- und Naturschutzprojektes auf dem Stadtgebiet. Das 195 Hektar große Projektgebiet umfasst einen rund fünf Kilometer langen Abschnitt der Lippe, der infolge einer Deichrückverlegung in Richtung Norden deutlich mehr an Raum zur Entfaltung gewann. Die Renaturierung des Flusses dient damit auch einem verbesserten Hochwasserschutz. Das gemeinsame Projekt der Stadt Hamm und des Lippeverbandes wurde gefördert durch Mittel des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und über die Wasserrahmenrichtlinie des Landes Nordrhein-Westfalen.

Das Ende der Ära der „Köttelbecken“
Ebenfalls noch renaturiert werden weitere Gewässer in Hamm, z.B. der Hoppeibach und der Herringer Bach. Abwasserfrei sind sie bereits seit 2023. Mit der offiziellen Inbetriebnahme des Pumpwerks Bocksheideweg und der dazugehörigen Abwasserkanäle wurde die zuvor durch den Herringer Bach und den Hoppeibach fließende Schmutzfracht unter die Erde verbannt. Die Ära der Köttelbecken endete damit: Der Herringer Bach und der Hoppeibach in Hamm waren die letzten beiden Bachläufe im gesamten Verantwortungsbereich des Lippeverbandes, die noch Abwasser führten. In den kommenden Jahren wird der Lippeverband rund sieben Kilometer am Herringer Bach und am Hoppeibach renaturieren. Die Betonsohlschale wird entfernt, das Ufer naturnah gestaltet und dort, wo der Platz es erlaubt, ein natürlicher schlängelnder Bachverlauf wiederhergestellt. Dann kann in und um die bisherigen offenen Abwasserläufen wieder die Natur einziehen, Wassertiere und -pflanzen gedeihen, Vögel ihre Brutnester bauen.

Höchste Flussdeiche Europas stehen in Hamm
In den Jahren 1911/1912 wurde die Lippe im Gebiet der Stadt Hamm im Zusammenhang mit dem Bau des Datteln-Hamm-Kanals verlegt und begradigt. Westlich dieser Ausbaustrecke durchfloss sie in vielen Windungen die Niederung zwischen Hamm und Stockum. Auf dieser Strecke fließen der Lippe von Norden die Geinegge, der Eversbach und der Lausbach und von Süden der Vorheider Bach und der Herringer Bach zu. In der Folgezeit kam es im Bereich der Zeche Radbod durch Bergsenkungen zu Abfluss-Störungen und Hochwassergefährdungen. Zur Behebung dieser Schwierigkeiten wurde in den Jahren 1937/1947 die Lippe von km 58,5 (Radbodstraße) bis km 62,0 (heute Höhe Kläranlage Hamm-West) nach Süden an den Datteln-Hamm-Kanal verlegt und eingedeicht.

Zur Entwässerung der entstandenen Poldergebiete wurden die Pumpwerke Hamm-Geinegge und Hamm-Eversbach gebaut. Später kam es auch westlich dieser Strecke zu bergbaulichen Einwirkungen, und die Lippe wurde von km 62,0 (heute Höhe Kläranlage Hamm-West) bis km 63,3 (Höhe Gersteinwerk) auch hier nach Süden an den Datteln-Hamm-Kanal verlegt und eingedeicht. 1975 wurden die Deiche aufgrund weiterer bergbaulicher Einwirkungen erhöht. Die Bauwerke wurden soweit aufgehöht, dass sie nach Eintritt der zu erwartenden Senkungen noch einen Meter Freibord aufweisen. Mit nunmehr 17 Metern Höhe sind sie die höchsten Flussdeiche Europas!

Lupia
Neben den Abwasserkanälen, Pumpwerken, Kläranlagen, Gewässern und Hochwasserschutzanlagen betreibt der Lippeverband zudem eine Flussfähre: die „Lupia“ am Schloss Oberwerries. Mit der Querungshilfe können sich Radfahrende und Spaziergänger*innen mithilfe eines Seils selbständig von einem Lippe-Ufer ans andere ziehen. Sie ist seit 2013 regelmäßig zwischen April und Oktober in Betrieb und wurde im Rahmen des LIFE+ Projekts Lippeaue vom Lippeverband und der Stadt Hamm ins Leben gerufen.

Infokasten:

Der Lippeverband
Der Lippeverband wurde vor 100 Jahren – am 19. Januar 1926 – gegründet, um die Folgen der Industrialisierung und des Bergbaus in Einklang mit der Natur, der Gesundheit und der Lebensqualität der Menschen zu bringen. Der Verband konnte ohne größere Zeitverluste seine Aufgaben angehen, da sich die Verbandsorgane entschlossen hatten, die Geschäftsführung mit der bereits 1899 gegründeten Emschergenossenschaft zu vereinigen. Man vermied dadurch den Aufbau einer eigenen Verwaltung. Sitz des neuen Verbandes wurde Dortmund. Dort war die Sesekegenossenschaft ansässig, die bereits 1913 nach Vorbild der Emschergenossenschaft gebildet worden war und nun im Lippeverband aufging. Zuständig war der Lippeverband nicht für das gesamte Lippe-Gebiet ab der Quelle, sondern für den industriell stark geprägten Raum von Lippborg bis Wesel – inklusive der Nebenlaufgebiete. Bis heute lebt der Lippeverband als öffentlich-rechtliche Einrichtung das Genossenschaftsprinzip als Leitidee des eigenen Handelns. Weitere Informationen zum Lippeverband sowie zu Veranstaltungen rund um das 100-jährige Bestehen finden interessierte Bürgerinnen und Bürger ab dem 19. Januar 2026 auf jubilaeum.eglv.de.