Lippeverband wird 100 Jahre jung

In Gelsenkirchen betreibt die Schwester der Emschergenossenschaft die Kläranlage Picksmühlenbach und hat zudem den Rapphofs Mühlenbach renaturiert

Gelsenkirchen. Der Lippeverband feiert in wenigen Tagen sein 100-jähriges Bestehen: Am 19. Januar 1926 erfolgte der Erlass des Lippe-Gesetzes – es gilt als die Geburtsstunde des Lippeverbandes. Eines der bekanntesten Projekte des öffentlich-rechtlichen Wasserwirtschaftsunternehmens in Gelsenkirchen ist die Renaturierung des Rapphofs Mühlenbach in den vergangenen Jahren. Darüber hinaus betreibt der Lippeverband seit 1954 die Kläranlage Picksmühlenbach in Gelsenkirchen.

Seit 100 Jahren nimmt der Lippeverband in der Region – und für die Menschen in der Region – unverzichtbare Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge wahr. Dazu gehören unter anderem die Abwasserentsorgung sowie der Hochwasserschutz. Darüber hinaus gehen die wasserwirtschaftlichen Maßnahmen des Lippeverbandes immer auch mit einer städtebaulichen Entwicklung der Quartiere entlang der Gewässer einher. Mit dieser Verzahnung von Wasserwirtschaft und Städtebau verfolgt der Lippeverband im Schulterschluss mit seinen Mitgliedskommunen eine Verbesserung der Lebens- und Aufenthaltsqualität für die Bevölkerung in der Region. Der Betrieb von modernen Abwasserkanälen, Pumpwerken, Kläranlagen und Hochwasserschutzeinrichtungen bildet den Dreh- und Angelpunkt einer sozial-ökologischen Transformation: „Die Renaturierung von einst technisch überformten Flüssen und Bächen ermöglicht die Rückkehr von blaugrünem Leben in diese Gewässer sowie eine verbesserte Erleb- und Erfahrbarkeit dieser neuen Naherholungsorte für die Menschen. Unser Selbstverständnis als Infrastrukturdienstleister für unsere Mitglieder hat sich in den vergangenen 100 Jahren nicht geändert. Das Wohl der Allgemeinheit steht dabei für uns nach wie vor an erster Stelle“, sagt Prof. Dr. Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender des Lippeverbandes.

Das Wirken des Lippeverbandes in Gelsenkirchen
Gelsenkirchen gilt wasserwirtschaftlich gemeinhin als Emscher-Stadt. Tatsächlich aber liegt ein Teil des Stadtgebietes im Einzugsgebiet des Lippeverbandes. In Gelsenkirchen betreibt der Lippeverband unter anderem den Picksmühlenbach und eine gleichnamige Kläranlage. Diese stammt aus dem Jahr 1954 (zuletzt 2013 ausgebaut), sie ist ausgelegt für 57.000 Einwohnerwerte (Menschen plus Industrieunternehmen). Im Durchschnitt flossen der Kläranlage im Jahr 2023 rund 240 Liter Abwasser pro Sekunde zu. Im Jahr 2024 sind in der Kläranlage Picksmühlenbach insgesamt 4.346.837 Kubikmeter Abwasser gereinigt worden.

In der jüngeren Vergangenheit renaturierte der Lippeverband auf Gelsenkirchener Stadtgebiet den Rapphofs Mühlenbach und den Erdbach. Im Zuge dieser Maßnahme wurden auch bergbaubedingte Schäden an den Gewässern behoben. Der Bergbau hatte zuvor in den Tiefen unterhalb der Region viele Spuren hinterlassen – eine der Folgen: Im Rapphofs Mühlenbach verhinderten Bergsenkungen, dass das Wasser im Bach frei von der Quelle zur Mündung fließen kann. Dies hatte negative Folgen für die Tier- und Pflanzenwelt im und am Bach. Daher stellte der Lippeverband das natürliche Gefälle wieder her und renaturierte den Bach zwischen dem Landwirtschaftshof Schulte-Hemming in Dorsten (etwa auf Höhe der Einmündung des Rennbaches in den Rapphofs Mühlenbach) bis zu dem Senkungssee bei der Einmündung des Erdbaches in Gelsenkirchen.

Um das natürliche, stetige Gefälle des Baches wiederherzustellen, vertiefte der Lippeverband die Bachsohle. Eine natürliche Fließgeschwindigkeit ist wichtig, denn der Rapphofs Mühlenbach zwischen Gelsenkirchen und Dorsten erfüllt eine wichtige Funktion: Er entsteht durch den Zusammenfluss des Hasseler Mühlenbachs und des Picksmühlenbachs und nimmt auf diesem Wege das gereinigte Wasser von zwei Kläranlagen auf, bevor er bei Dorsten in die Lippe mündet. Ist eine natürliche Fließgeschwindigkeit nicht gegeben, kommt es zu Überschwemmungen. Außerdem erwärmt sich das Wasser in den Absenkungen übermäßig, das führt zu einem Rückgang der Sauerstoffkonzentrationen. Dies beeinflusst die Tierwelt negativ.

Zeitgleich mit der Vertiefung des Baches wertete der Lippeverband das Gewässer auf. Die Auen links und rechts wurden verbreitert und naturnah gestaltet. Sie sind die natürlichen Überschwemmungsbereiche von Bächen und Flüssen. Auf den stetigen Wechsel zwischen Überflutung und Trockenperioden haben sich viele Pflanzen- und Tierarten angepasst und sind davon abhängig. Sie werden zukünftig entlang des Rappshofs Mühlenbach neuen wertvollen Lebensraum finden.

Durch die Vertiefung der Bachsohle konnte letztlich auch das Gewässerpumpwerk am Erdbach in Gelsenkirchen abgebaut werden – seitdem mündet der Erdbach wieder natürlich in den Rapphofs Mühlenbach.

Infokasten:

Der Lippeverband
Der Lippeverband wurde vor 100 Jahren – am 19. Januar 1926 – gegründet, um die Folgen der Industrialisierung und des Bergbaus in Einklang mit der Natur, der Gesundheit und der Lebensqualität der Menschen zu bringen. Der Verband konnte ohne größere Zeitverluste seine Aufgaben angehen, da sich die Verbandsorgane entschlossen hatten, die Geschäftsführung mit der bereits 1899 gegründeten Emschergenossenschaft zu vereinigen. Man vermied dadurch den Aufbau einer eigenen Verwaltung. Sitz des neuen Verbandes wurde Dortmund. Dort war die Sesekegenossenschaft ansässig, die bereits 1913 nach Vorbild der Emschergenossenschaft gebildet worden war und nun im Lippeverband aufging. Zuständig war der Lippeverband nicht für das gesamte Lippe-Gebiet ab der Quelle, sondern für den industriell stark geprägten Raum von Lippborg bis Wesel – inklusive der Nebenlaufgebiete. Bis heute lebt der Lippeverband als öffentlich-rechtliche Einrichtung das Genossenschaftsprinzip als Leitidee des eigenen Handelns. Weitere Informationen zum Lippeverband sowie zu Veranstaltungen rund um das 100-jährige Bestehen finden interessierte Bürgerinnen und Bürger ab dem 19. Januar 2026 auf jubilaeum.eglv.de.