Lippeverband wird 100 Jahre jung

In Kamen hat das Wasserwirtschaftsunternehmen unter anderem den Heerener Mühlbach aufwändig revitalisiert

Kamen. Der Lippeverband feiert in wenigen Tagen sein 100-jähriges Bestehen: Am 19. Januar 1926 erfolgte der Erlass des Lippe-Gesetzes – es gilt als die Geburtsstunde des Lippeverbandes. Eines der bekanntesten Projekte des öffentlich-rechtlichen Wasserwirtschaftsunternehmens in Kamen ist unter anderem die Renaturierung des Heerener Mühlbaches und der Bau eines Blauen Klassenzimmers an der Mündung des Mühlbachs in die Seseke.

Seit 100 Jahren nimmt der Lippeverband in der Region – und für die Menschen in der Region – unverzichtbare Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge wahr. Dazu gehören unter anderem die Abwasserentsorgung sowie der Hochwasserschutz. Darüber hinaus gehen die wasserwirtschaftlichen Maßnahmen des Lippeverbandes immer auch mit einer städtebaulichen Entwicklung der Quartiere entlang der Gewässer einher. Mit dieser Verzahnung von Wasserwirtschaft und Städtebau verfolgt der Lippeverband im Schulterschluss mit seinen Mitgliedskommunen eine Verbesserung der Lebens- und Aufenthaltsqualität für die Bevölkerung in der Region. Der Betrieb von modernen Abwasserkanälen, Pumpwerken, Kläranlagen und Hochwasserschutzeinrichtungen bildet den Dreh- und Angelpunkt einer sozial-ökologischen Transformation: „Die Renaturierung von einst technisch überformten Flüssen und Bächen ermöglicht die Rückkehr von blaugrünem Leben in diese Gewässer sowie eine verbesserte Erleb- und Erfahrbarkeit dieser neuen Naherholungsorte für die Menschen. Unser Selbstverständnis als Infrastrukturdienstleister für unsere Mitglieder hat sich in den vergangenen 100 Jahren nicht geändert. Das Wohl der Allgemeinheit steht dabei für uns nach wie vor an erster Stelle“, sagt Prof. Dr. Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender des Lippeverbandes.

Das Wirken des Lippeverbandes in Kamen
Neben dem großen ökologischen Umbau der Seseke ist der Lippeverband in Kamen vor allem für die Renaturierung des Heerener Mühlbaches bekannt. Bei heißen Sommertemperaturen mit einem kühlen Getränk die Beine im Wasser baumeln lassen – ein Vorhaben, das heute zum Glück auch tatsächlich wieder in die Tat umgesetzt werden kann. Denn wer entlang des in Mühlhausen entspringenden und auf seinem Weg durch die Uelzener und Werver Heide den Kortelbach aufnehmenden Mühlbaches spazieren geht, erhält mittlerweile wieder einen Eindruck seiner ursprünglichen Schönheit. Doch zwischen heutigem Eindruck und Ursprung liegen rund 80 Jahre, in welchen der Flusslauf als offene Kloake fungierte und das Abwasser der Region abführte.

Die Begründung hierfür lag im voranschreitenden Bergbau in der Region, infolgedessen es im Ruhrgebiet immer wieder zu Bergsenkungen kam. Dies machte nicht nur eine Abführung des Schmutzwassers in unterirdischen Abwasserkanälen unmöglich, es sorgte auch dafür, dass natürliche Fließgewässer „stehenblieben“ und teils rückwärts flossen. Um dennoch für eine Abfuhr der Schmutzwassermengen zu sorgen, die durch die enorme Bevölkerungszunahme stetig anstiegen, wurden zahlreiche Fluss- und Bachläufe in der Region zweckentfremdet. In ihrem Verlauf begradigt und mit Betonsohlschalen ausgestattet, um das Schmutzwasser schneller abfließen zu lassen, wurden sie für die nächsten Jahrzehnte zur sogenannten „Köttelbecke“ ohne natürliches Leben. Dabei galten der Heerener Mühlenbach und die Kamener Seseke bis dato sogar als Naturparadiese mit großer Artenvielfalt. Erst mit dem einsetzenden Ende des Bergbaus in den 1980er-Jahren und dem Abklingen der Bergsenkungen konnte über eine alternative abwassertechnische Infrastruktur nachgedacht werden.

Zwischen 2002 und 2005 wurden die neuen unterirdischen Abwasserkanäle am Heerener Mühlbach verlegt. In der Folge konnte das Abwasser unter die Erde verbannt werden – der oberirdische Bach war zunächst sauber, das Wasser floss allerdings noch in Sohlschalen aus Beton. Die naturnahe Umgestaltung des Heerener Mühlbaches mitsamt Regenwasserabkopplung erfolgte zwischen Mai 2011 und April 2013. 4,3 Millionen Euro wurden in die Maßnahme investiert – zu 50 Prozent finanziert aus dem EU-Programm „Interreg IV B“ unter dem Motto „Grün-Blauer Klimakorridor“. Damit wurde bereits auf die klimatischen Effekte des neu entstandenen, revitalisierten Gewässers verwiesen, das den gesamten Ort durchfließt. Das Besondere an der Mühlbach-Umgestaltung ist, dass das Regenwasser von 80 Hausgrundstücken entlang des Baches in das Gewässer abgeleitet werden – anstatt in den unterirdischen Abwasserkanal. Dadurch werden seitdem nicht nur die Kanalisation und die Kläranlage entlastet, sondern darüber hinaus die Wasserführung im Bach gestärkt. Seitdem haben sich der Fluss und seine Flora und Fauna wieder erholt und laden mit Spazierwegen und dem Blauen Klassenzimmer wieder zum Verweilen, Entspannen und Entdecken ein.

Lern- und Entdeckerort an der Seseke
Das Blaue Klassenzimmer entstand an der Mündung des Heerener Mühlbachs in die Seseke. Die Bewohnerinnen und Bewohner des Stadtteils Heeren-Werve hatten den Standort als einen schönen Ort zum Picknicken identifiziert und den Lippeverband gebeten, den Standort dementsprechend zu gestalten. Nach näherer Überprüfung stellte sich heraus, dass hier ein Aufenthaltsort geschaffen werden kann, der nicht nur zum Picknicken einlädt, sondern auch für andere Zwecke wie Lernen, Entspannen und Ausruhen genutzt werden kann. Der Lippeverband und die Stadt Kamen haben daher seinerzeit einen Prozess in Gang gesetzt, der zur Neugestaltung des Standorts geführt hat. Vorbild sind die Blauen Klassenzimmer und die Lern- und Entdeckerorte der Emschergenossenschaft und des Lippeverbandes, die einem Amphitheater ähneln und über Sitzstufen Zugänge zum Gewässer schaffen und gute Aufenthaltsqualitäten bieten.

Im Oktober 2019 fand auf Einladung des Lippeverbandes und der Stadt Kamen eine Planungsveranstaltung statt, bei der die Wünsche der Quartiersbewohnerinnen und -bewohner gesammelt und Ideen zur Gestaltung des Standortes entwickelt wurden. Die Ideen wurden von einem Landschaftsarchitekten in einen Planungsentwurf umgewandelt und im November 2019 der breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Im Anschluss folgte die bauliche Umsetzung. Am 9. Juni 2021 wurde der Lern- und Entdeckerort schließlich im Beisein von NRW-Städtebauministerin Ina Scharrenbach eingeweiht.

Infokasten:

Der Lippeverband
Der Lippeverband wurde vor 100 Jahren – am 19. Januar 1926 – gegründet, um die Folgen der Industrialisierung und des Bergbaus in Einklang mit der Natur, der Gesundheit und der Lebensqualität der Menschen zu bringen. Der Verband konnte ohne größere Zeitverluste seine Aufgaben angehen, da sich die Verbandsorgane entschlossen hatten, die Geschäftsführung mit der bereits 1899 gegründeten Emschergenossenschaft zu vereinigen. Man vermied dadurch den Aufbau einer eigenen Verwaltung. Sitz des neuen Verbandes wurde Dortmund. Dort war die Sesekegenossenschaft ansässig, die bereits 1913 nach Vorbild der Emschergenossenschaft gebildet worden war und nun im Lippeverband aufging. Zuständig war der Lippeverband nicht für das gesamte Lippe-Gebiet ab der Quelle, sondern für den industriell stark geprägten Raum von Lippborg bis Wesel – inklusive der Nebenlaufgebiete. Bis heute lebt der Lippeverband als öffentlich-rechtliche Einrichtung das Genossenschaftsprinzip als Leitidee des eigenen Handelns. Weitere Informationen zum Lippeverband sowie zu Veranstaltungen rund um das 100-jährige Bestehen finden interessierte Bürgerinnen und Bürger ab dem 19. Januar 2026 auf jubilaeum.eglv.de.