Emscher-Region verpflichtet sich zur Klimaanpassung

Jahresversammlung der Emschergenossenschaft im Ruhrfestspielhaus in Recklinghausen

Emschergebiet. Vor 120 Jahren, 1899, wurde die Emschergenossenschaft gegründet: Als Zwangsvereinigung entstand sie – auf Weisung des preußischen Staates, um die Abwassermisere im zentralen Ruhgebiet entgegen des damaligen Kirchturmdenkens in den Griff zu bekommen. Heute ist von Zwang und Kirchturmdenken keine Rede mehr. Längst hat die Region begriffen, dass der immensen Herausforderung Klimawandel nur gemeinsam Einhalt geboten werden kann. 120 Jahre nach der Gründung der Emschergenossenschaft unterzeichneten am Freitag alle 16 Kommunen der Emscher-Region eine Verpflichtungserklärung mit dem Ziel, gemeinsam mit der Emschergenossenschaft als koordinierende Service-Stelle das Projekt „Klimaresiliente Region mit internationaler Strahlkraft“ bereits ab Anfang 2020 mit Leben zu füllen.

Im Rahmen der Zukunftsinitiative (ZI) „Wasser in der Stadt von morgen“ haben erst vor knapp zwei Wochen über 300 Akteure aus der Region beim 5. Experten-Forum der ZI in Oberhausen konkrete Maßnahmen zur Klimaanpassung vereinbart. Eine weitere gute Nachricht folgte am 5. November: Das NRW-Landeskabinett beschloss die Umsetzung des in der Ruhrkonferenz vorgeschlagenen Projektes „Klimaresiliente Region mit internationaler Strahlkraft“.

Prof. Dr. Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender der Emschergenossenschaft und Ko-Moderator des Themenfeldes „Grüne Infrastruktur“ in der Ruhrkonferenz, fasst zusammen: „Mit der heutigen Verpflichtungserklärung gehen wir die Herausforderung Klimawandel gemeinsam als Region an. Nur so lassen sich Lösungen für regionale Problemstellungen finden. Mit diesem Projekt können wir Vorbild für andere Regionen in Europa und in der Welt sein, so wie wir es bereits auch von unserem Emscher-Umbau kennen.“

Die Strategie

Im Rahmen der Zukunftsinitiative „Wasser in der Stadt von morgen“ haben sich alle beteiligten 16 Emscher-Städte und die Emschergenossenschaft einstimmig auf ein gemeinsames Vorhaben für eine regionale Klimaanpassungsstrategie verständigt. Gleichzeitig verfolgen die Partner das Ziel, auch den Lippeverband, den Ruhrverband und den Regionalverband Ruhr sowie die Linksniederrheinische Entwässerungs-Genossenschaft mit einzubinden. Denn: „Hochwasser und Hitzewellen machen nicht an Stadtgrenzen oder Wasserscheiden Halt, der Herausforderung Klimawandel müssen wir uns gemeinsam stellen“, so Paetzel.

Neue Service-Stelle in Essen

Zu diesem Zweck wird die Emschergenossenschaft für alle Städte und Wasserverbände eine in Essen sitzende Service-Stelle aufbauen, die die Zukunftsinitiative weiterentwickelt und in Abstimmung mit den Beteiligten unter anderem folgende Aufgaben übernimmt:

– Einvernehmliche Festlegung von Maßnahmen, Standards und Prioritäten zur Umsetzung von Klimaanpassungsmaßnahmen,

– Koordinierung von Finanzierungsmodalitäten und Abwicklung der Maßnahmenfinanzierung für die Emscher-Städte,

– Fachberatung bei Projekten bzw. Baumaßnahmen, optional von der Projektentwicklung bis hin zur gesamten baulichen Umsetzung.

Die Ziele

Unter der Leitlinie „Klimaresiliente Region mit internationaler Strahlkraft“ verfolgt die Zukunftsinitiative „Wasser in der Stadt von morgen“ bis 2040 mit Nachdruck die folgenden Ziele:

– Die Reduzierung des Abflusses von Regenwasser in Mischsystemen um 25 Prozent.

– Die Erhöhung der Verdunstungsrate um 10 Prozent.

– Die Reaktivierung bzw. Entflechtung verrohrter Gewässer.

– Die Reduzierung und Vermeidung von Hitzeinseln.

– Die Stärkung des Vorbildcharakters der Kommunen durch die Umsetzung eigener Projekte.

Die Maßnahmen

Zur Erreichung dieser Ziele benötigt die Region eine integrale, wassersensible Stadtentwicklung mit den folgenden Maßnahmen:

– Abkopplung von versiegelten Flächen,

– Dach- und Fassadenbegrünung,

– Schaffung von Verdunstungsflächen (z. B. durch Gestaltung mit Wasser und Grün) und Flächenentsiegelung,

– Anlage und attraktive Gestaltung von Regenwasserversickerungsanlagen,

– Notwasserwege und Retentionsflächen zur Vermeidung und Reduzierung von Schäden,

– multifunktionale Freiflächengestaltung als Element urbaner Freiräume z. B. für Starkregenereignisse.

Hintergrund:

Die Zukunftsinitiative

Die Zukunftsinitiative (ZI) „Wasser in der Stadt von morgen“ wurde 2014 von der Emschergenossenschaft gemeinsam mit den Emscher-Kommunen und dem NRW-Umweltministerium ins Leben gerufen, um unter anderem Themen wie Wasserwirtschaft, Stadtentwicklung, Freiraumplanung, Klimaanpassung und Straßenbau enger zusammenzuführen. Nachhaltig wirksamer Klimaschutz und Anpassungen an den Klimawandel stellen die Städte vor erhebliche Herausforderungen. In dieser dichtbesiedelten Region sind es insbesondere zwei Phänomene, die sich maßgeblich auf die Lebensqualität der Bevölkerung und den Naturhaushalt auswirken: zunehmende Extremwetterereignisse mit Starkniederschlägen sowie lange Hitzeperioden.

Die Folgen dieser Wetterextreme sind steigende Aufwendungen, zum Beispiel durch Überflutungsschäden, gesundheitliche Risiken durch hohe Temperaturen und negative Auswirkungen für den Naturhaushalt, die Vegetation und die Grundwasserneubildung.