Emscher-Deich wird erhöht

Emschergenossenschaft beginnt in Oberhausen mit der Ertüchtigung ihrer Hochwasserschutzanlage – inklusive eines Klimawandelfolgen-Zuschlags

Oberhausen. Das Starkregen-Ereignis und die daraus resultierende Hochwasserlage im Juli 2021 waren in vielen Teilen von NRW dramatisch und haben zu zahlreichen Todesopfern und hohen Sachschäden geführt. Auch an Emscher und Lippe gab es zum Teil heftige Niederschläge. Nach detaillierten Analysen der Niederschlagssituation in den Verbandsgebieten zeigten erste Ergebnisse, dass es – bei gleichen Regenmengen wie zum Beispiel in Hagen – auch im Emscher-Lippe-Gebiet zu erheblichen Schäden gekommen wäre. Als unmittelbare Folge dieser Erkenntnisse haben Emschergenossenschaft und Lippeverband (EGLV) im Auftrag ihrer Aufsichtsgremien die „Roadmap Krisenhochwasser“ für die Verbesserung des Hochwasserschutzes in den beiden Verbandsgebieten entwickelt. Seitdem haben die Wasserwirtschaftsverbände 30 neue Pegel an ihren Gewässern installiert, um noch besser über das Hochwassergeschehen informiert zu sein. Zu dem in der Roadmap darüber hinaus beschriebenen Maßnahmenprogramm gehört auch die Deichertüchtigung an der Emscher. Nach langwierigen Genehmigungsverfahren konnten hier nun ganz aktuell die ersten Bauarbeiten in Oberhausen beginnen.

„Die Ertüchtigung der Deiche an der Emscher ist unser nächstes große Generationenprojekt nach dem Erreichen der vollständigen Abwasserfreiheit im zentralen Fluss des Ruhrgebietes – das Vorhaben wird uns noch bis in die 2040er-Jahre hinein beschäftigen. Im Vordergrund steht dabei die Sicherheit für Menschen und Infrastruktur. Die ökologische Weiterentwicklung der Emscher wird planerisch bereits mitberücksichtigt, in den Deichbereichen jedoch erst in einem zweiten Schritt umgesetzt. Der Hochwasserschutz hat angesichts der Folgen des fortschreitenden Klimawandels und der Zunahme an Extremwetterereignissen für uns klare Priorität“, sagt Prof. Dr. Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender der Emschergenossenschaft.

Rückgrat des Hochwasserschutzes
Die Emscher wird ab dem Schellenbruchgraben in Herten auf weiten Strecken im Westen des Flusseinzugsgebietes von Deichen begleitet. Diese bilden das Rückgrat des Hochwasserschutzes im Emscher-Gebiet. Im Schnitt sind die Bauwerke drei bis sechs Meter hoch, gemessen vom landseitigen Gelände bis zur Deichkrone. In einzelnen Bereichen erreichen sie eine Höhe von bis zu zehn Metern. Anders als bei typischen Rheindeichen folgt ihre Form einem eigenen Regelprofil der Emschergenossenschaft, das auf die besonderen Bedingungen des Ruhrgebiets – insbesondere bergbaubedingte Bodensenkungen – abgestimmt ist.

„Die Materialien variieren stark, je nach Bauzeit und Standort. Viele Deiche stammen aus den 1920er- und 1930er-Jahren und wurden seither mehrfach angepasst. Heute zeigt sich dadurch ein recht uneinheitlicher Zustand, der auch aufgrund der Zunahme von Extremwetterereignissen eine umfassende Sanierung im Sinne eines zukunftssicheren Hochwasserschutzes erforderlich macht“, sagt Prof. Dr. Frank Obenaus, Vorstand für Wassermanagement und Technik bei der Emschergenossenschaft.

Im Wesentlichen bestimmen die folgenden Faktoren die Notwendigkeit der aktuellen Maßnahmen:

  • Das Alter der Deiche: Viele Abschnitte sind bereits über 80 Jahre alt und entsprechen nicht mehr den aktuellen Normen hinsichtlich des Aufbaus, der Materialien, der Neigungen, der Art der Durchsickerung und der Zuwegung für die Deichverteidigung.
  • Klimaanpassung: Durch häufigere und intensivere Starkregenereignisse ist eine besondere Zuverlässigkeit erforderlich. Der von der Emschergenossenschaft präventiv eingeführte Klimafolgenanpassungszuschlag von 20 Zentimetern für Deichbereiche berücksichtigt diese Veränderungen und stellt sicher, dass die Deiche auch künftig steigenden Anforderungen gewachsen sind. Der Höhenzuschlag ergänzt damit die Deichbauwerke, die ohnehin bereits für ein 200-jährliches Hochwasser ausgelegt sind. Nichtsdestotrotz weist die Emschergenossenschaft darauf hin, dass technischer Hochwasserschutz immer Grenzen hat – eine 100-prozentige Sicherheit kann und wird es nie geben.

Baubeginn in Oberhausen
Die Reihenfolge der Arbeiten richtet sich nach einer Risikoeinschätzung der Gebiete im Deichhinterland. Konkret ist für Mitte 2027 der Baubeginn in Oberhausen auf der in Fließrichtung linken Seite der Emscher bei Fluss-Kilometer 14 bis 16 geplant. Bereits vorab hat ganz aktuell bereits der Bau eines zirka 300 Meter langen – rechtsseitigen – Deichsanierungsabschnitts im Zuge des Neubaus des Pumpwerks Oberhausen-Eisenheim begonnen. „Die Sanierung des Emscher-Deiches bei uns in Oberhausen ist sinnvoll und notwendig, denn unser Stadtgebiet liegt verhältnismäßig weit im Westen des Einzugsgebietes der Emscher. Aufgrund der vielen Zuflüsse aus den Nebenlaufgebieten besitzt das Gewässer auch in Trockenwetterzeiten einen relativ hohen Abfluss. Im Hochwasserfall steigt der Pegel dann noch einmal ganz erheblich – und im Bereich der stark begradigten Emscher auch sehr schnell. Wir brauchen daher einen verlässlichen Hochwasserschutz. Mit der Emschergenossenschaft haben wir eine kompetente Partnerin, die mit dem nachhaltigen Ausbau ihrer Infrastruktur die Hochwassersicherheit in unserer Region kontinuierlich optimiert“, sagt Oberhausens Oberbürgermeister Thorsten Berg.

Im Zuge von geotechnischen Vorerkundungen hat die Emschergenossenschaft ermittelt, welche Ertüchtigungsmaßnahmen sich am besten eignen, um die Standsicherheit der Deiche zu verbessern. Für den angesprochenen Abschnitt in Oberhausen ist auf Höhe des Pumpwerks Oberhausen-Eisenheim (zwischen der Brücke Konrad-Adenauer-Allee und der Bahnbrücke im Osten) auf der in Fließrichtung rechten Uferseite der Einbau einer bis zu neun Meter tiefen Spundwand im Bereich des wasserseitigen Böschungsfußes vorgesehen.

Bei diesem Verfahren funktioniert die Spundwand als wasserdichte Schicht zur Vermeidung von Durchsickerungen. Um den Deichkörper im Hochwasserfall – wenn über lange Zeit große Wassermengen gegen den Deich drücken – vor Instabilitäten zu schützen, wird ein Drainagekörper eingezogen, um etwaiges Sickerwasser schadlos abzuführen. Zudem entsteht auf der Landseite (nördlich des Deiches) eine mehr als vier Meter hohe Winkelstützwand zur weiteren Absicherung des Deichbauwerkes. Der Klimafolgenzuschlag von 20 Zentimeter wird mit dem Aufbringen von Oberboden erreicht.

Bei der 2027 geplanten Ertüchtigung des linksseitigen Deichabschnitts auf einer Länge von rund zwei Kilometern ist zum Beispiel auf Höhe der Lindnerstraße und des Stadions von Rot-Weiß Oberhausen der Einbau einer bis zu 10 Meter tiefen Spundwand, als sogenannte Innendichtung, in die Deichkrone vorgesehen. Gleichzeitig will die Emschergenossenschaft in diesem Bereich die Erlebbarkeit der künftig renaturierten Emscher steigern, indem auf dem Deich ein neuer Fuß- und Radweg angelegt werden soll. „In Summe entsteht ein kontinuierlich modernisiertes Hochwasserschutzsystem, das Sicherheit und ökologische Entwicklung mit einer verbesserten Erfahrbarkeit der neuen blaugrünen Natur am Gewässer verbindet“, fasst Oberbürgermeister Berg die Maßnahme der Emschergenossenschaft zusammen.

Förderdarlehen der Europäischen Investitionsbank
Für Projekte zur Klimaanpassung sowie für die Hochwassersicherheit in der Emscher-Lippe-Region gewährt die Europäische Investitionsbank (EIB) den Wasserwirtschaftsverbänden Emschergenossenschaft und Lippeverband (EGLV) Förderdarlehen in Höhe von insgesamt 500 Millionen Euro. Die entsprechenden Verträge haben Nicola Beer, Vizepräsidentin der EIB, und Prof. Dr. Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender von EGLV, Anfang 2026 in Castrop-Rauxel unterzeichnet. Die Darlehen haben eine Laufzeit von 30 Jahren und tragen mit ihren günstigen Zinskonditionen trotz der hohen Investitionen in den Bereichen Klimaanpassung und Hochwasserschutz erheblich zur Gebührenverträglichkeit in der Region bei. Bei der Vielzahl an Projekten von EGLV zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels sowie zur Verbesserung des Hochwasserschutzes handelt es sich unter anderem um Maßnahmen zur Renaturierung von Gewässern, zur Sanierung von Deichen sowie zur Ertüchtigung von Pumpwerken. Auch die Ertüchtigung der Emscher-Deiche in Oberhausen zählt dazu.

Emschergenossenschaft
Am 14. Dezember 1899 als erster deutscher Wasserwirtschaftsverband gegründet, ist die Emschergenossenschaft heute gemeinsam mit dem 1926 gegründeten Lippeverband Deutschlands größter Betreiber von Kläranlagen und Pumpwerken. Die Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Unternehmens sind die Abwasserentsorgung, der Hochwasserschutz sowie die Klimafolgenanpassung. Ihr bekanntestes Projekt ist der Emscher-Umbau (1992-2021), bei dem die Emschergenossenschaft im Herzen des Ruhrgebietes eine moderne Abwasserinfrastruktur baute. Dafür wurden 436 Kilometer an neuen unterirdischen Abwasserkanälen verlegt und vier Großkläranlagen gebaut. Rund 340 Kilometer an Gewässern werden insgesamt renaturiert. Parallel entstanden in enger Kooperation mit den kommunalen Partnern über 360 Kilometer an Rad- und Fußwegen, die das neue blaugrüne Leben an der Emscher und ihren Nebenläufen erleb- und erfahrbar machen. www.eglv.de