Ein Blick unter den Schachtdeckel – Im Saug- und Spülwagen durch Hamm

Lippeverband verlost zum Jubiläum besondere Sightseeing-Fahrt. Hammer Bürger lernt seine Heimatstadt aus neuer Perspektive kennen

Hamm. Für die meisten Menschen ist die Kanalinfrastruktur, die sich metertief unter der Erde erstreckt, unsichtbar. Allein die über 35.000 Kanaldeckel, die das Hammer Stadtgebiet säumen, geben einen Hinweis darauf, was sich darunter abspielt. Anlässlich seines 100-jährigen Jubiläums ermöglicht der Lippeverband Bürgerinnen und Bürgern besondere Einblicke in die Welt der Wasserwirtschaft und verloste eine exklusive Fahrt mit einem Saug- und Spülwagen durch Hamm. Gewinner der Verlosung, Dominic Blank, begleitete die Fachleute der Kanalreinigung bei ihrem Einsatz und lernte entlang von wasserwirtschaftlichen Anlagen, Kanalschächten und lokalen Wahrzeichen seine Heimatstadt auf neue Weise kennen.

Sechs Uhr morgens, Tor 11 auf dem Betriebsgelände der Stadtentwässerung Hamm: Während die Stadt langsam erwacht, beginnt für Dominic Blank ein kleines Abenteuer. Der 47-Jährige ist normalerweise für das Grünflächenamt Hamm tätig und dort für die Baumkontrolle zuständig. „Ich freue mich, heute den Mitarbeitern mal über die Schulter gucken zu können“, sagte er zum Auftakt seines Sondereinsatzes. Schließlich haben seine gewohnte Tätigkeit und die der Stadtentwässerung eines gemeinsam: Beide sorgen sich um die städtische Infrastruktur – und das meist an der frischen Luft.

Der Untergrund von Hamm hat es in sich: 75 Mitarbeitende kümmern sich bei der Stadtentwässerung Hamm, die seit 2007 zum Lippeverband gehört, um den Betrieb des knapp 800 Kilometer langen Kanalnetzes. Dazu gehört unter anderem die Reinigung der Kanäle. Protagonisten dieser Aufgabe – neben den Fachkolleg*innen, die sie steuern – sind vier Saug- und Spülwagen des Verbandes.

Dass es sich bei den Fahrzeugen um keine gewöhnlichen Lastkraftwagen handelt, fällt beim Anblick schnell auf: Ausgestattet mit Sauger, Spüldüse und Filtern gleichen sie eher einer mobil-mechanischen Kläranlage. Zur Reinigung der Rohre werden eine an Schläuchen angeschlossene Düse und ein Saugkopf durch den geöffneten Gully in den Kanalschacht hinabgelassen. Unten angekommen spült die Düse mit einem Wasserdruck von bis zu 200 Bar Ablagerungen – wie Schlamm und Verschmutzungen – aus dem Kanal zum Schacht. Das Schlamm-Wasser-Gemisch wird dort vom Sauger aufgenommen. An Bord des Spezialfahrzeuges wird das Gemisch durch eine moderne Aufbereitungstechnik direkt im Fahrzeug gereinigt. Besonders nachhaltig: Das aufbereitete Wasser kann das Kanalreinigungsteam anschließend als Spülwasser für die nächsten Kanalschächte verwenden. Der übrige Schlamm landet am Tagesende gesammelt in der Schlammbehandlungsanlage, wo er entwässert und der thermischen Weiterverarbeitung zugeführt wird.

Der erste praktische Einsatz stand für das Tagestrio am Herringer Bach an – wo sich übrigens das größte Pumpwerk im Hammer Stadtgebiet befindet. Bei der Spülung eines 200 Meter langen Kanalabschnittes steuerte Dominic Blank sogar selbst Düse und Sauger durch das unterirdische Rohr. „Da braucht man echt Fingerspitzengefühl“, stellte Blank fest. Alle vier Jahre wird das komplette Hammer Kanalnetz auf diese Weise gereinigt und anschließend per Kamerabefahrung kontrolliert – das gesamte Netz muss innerhalb von 15 Jahren vollständig TV-inspiziert werden. „Sonst würden die Kanäle irgendwann verstopfen“, betonte Tomy Sadowski vom Lippeverband und unterstreicht die Bedeutung der stetigen Instandhaltung der Rohre.

Wasserwirtschaft als wichtiger Faktor für den Erhalt der Artenvielfalt
Ein funktionierendes Kanalnetz zählt zu den größten Errungenschaften moderner Städte. Es transportiert Abwasser sicher aus Wohnungen, Betrieben und Straßen ab und trägt so zu Hygiene und Seuchenschutz bei. Doch die Arbeit des Lippeverbandes endet nicht am Kanalnetz: Erst im Zusammenspiel mit Pumpwerken und Kläranlagen wird aus Abwasser wieder sauberes Wasser, das in die Gewässer zurückfließen kann. Mit spürbarem Effekt für die Natur über Stadtgrenzen hinweg: Fische und Pflanzen finden in der Lippe und ihren Nebengewässern einen naturnahen Lebensraum. Beweis dafür sind die rund 950 Tier- und Pflanzenarten, die erst kürzlich beim „Tag der lebendigen Lippe“ in Datteln gezählt wurden.

Weitere Aktionen zum Jubiläum
Der Lippeverband setzt sich bereits seit 100 Jahren für eine lebendige Lippe, saubere Gewässer, mehr Lebensqualität in der Region und eine blaugrüne Zukunft ein. Im Rahmen dieses Jubiläums öffnete der Wasserwirtschaftsverband in den vergangenen Monaten unter anderem bereits drei Mal seine Türen zu Kläranlagen und Pumpwerken. Und es gibt noch weitere zukünftige Ereignisse, auf die sich Bürgerinnen und Bürger im Lippe-Gebiet freuen können: Kommenden Samstag (22. August) laden die Stadt Hamm (anlässlich ihres 800. Geburtstags) und der Lippeverband zur „Langen Tafel“ im Erlebensraum Lippeaue ein. Mit Musik, Information und Unterhaltung wird ein Teil der Lippeauen für einen Tag zum Open-Air-Garten. Außerdem findet am 6. September der für dieses Jahr letzte „Tag der offenen Tür“ auf der Kläranlage Soest statt. Hier erhalten Interessierte einen Einblick, was mit dem Wasser passiert, nachdem es im häuslichen Abfluss verschwindet – mit Führungen, Info-Ständen sowie Mitmach-Aktionen für Klein und Groß. Wer darüber hinaus gerne entlang unserer Gewässer unterwegs sein möchte, ist bei der blaugrünen Wandertour bestens aufgehoben: Auf den 6, 12, 28 und 50 Kilometer langen Wanderrouten führt es Teilnehmende am 12. September durch das Dorstener Stadt- und Naturgebiet. Alle Infos zu diesen und weiteren Veranstaltungen unter jubilaeum.eglv.de

100 Jahre Lippeverband
Der Lippeverband wurde vor 100 Jahren – am 19. Januar 1926 – gegründet, um die Folgen der Industrialisierung und des Bergbaus in Einklang mit der Natur, der Gesundheit und der Lebensqualität der Menschen zu bringen. Der Verband konnte ohne größere Zeitverluste seine Aufgaben angehen, da sich die Verbandsorgane entschlossen hatten, die Geschäftsführung mit der bereits 1899 gegründeten Emschergenossenschaft zu vereinigen. Man vermied dadurch den Aufbau einer eigenen Verwaltung. Sitz des neuen Verbandes wurde seinerzeit Dortmund. Dort war die Sesekegenossenschaft ansässig, die bereits 1913 nach Vorbild der Emschergenossenschaft gebildet worden war und nun im Lippeverband aufging. Zuständig war der Lippeverband nicht für das gesamte Lippe-Gebiet ab der Quelle, sondern für den industriell stark geprägten Raum unterhalb Lippborg bis zum Rhein bei Wesel – inklusive der Nebenlaufgebiete. Bis heute lebt der Lippeverband als öffentlich-rechtliche Einrichtung das Genossenschaftsprinzip als Leitidee des eigenen Handelns. Weitere Informationen zum Lippeverband sowie zu Veranstaltungen rund um das 100-jährige Bestehen finden interessierte Bürgerinnen und Bürger auf jubilaeum.eglv.de.