100 Jahre Lippeverband – 100 Jahre Hochwasserschutz

Ein wahres Jahrhundertprojekt ist der aktuelle Neubau der Deiche in Haltern-Lippramsdorf und Marl

Haltern-Lippramsdorf/Marl. Der Lippeverband feiert am 19. Januar 2026 sein 100-jähriges Bestehen. 100 Jahre Lippeverband bedeuten auch 100 Jahre Hochwasserschutz an der Lippe. Ein wahres Jahrhundertprojekt ist der aktuelle Neubau der Deiche in Haltern-Lippramsdorf und Marl.

Mit einer ersten Machbarkeitsstudie begann im Jahr 2005 das wohl größte Hochwasserschutzprojekt Nordrhein-Westfalens: der Neubau der Lippe-Deiche in Haltern-Lippramsdorf und Marl (HaLiMa). Seit dem ersten Spatenstich 2015 ist das 95-Millionen-Euro-Vorhaben weit fortgeschritten: Die Deiche auf der Nordseite sind bereits fertiggestellt – durch die Rückverlegung der Hochwasserschutzanlagen ins Hinterland hat die Lippe zudem bereits deutlich an Raum gewonnen. Seit dem vergangenen Spätsommer erfolgt zudem der Neubau eines 500 Meter langen Deiches auf der Südseite des Flusses. Das Großprojekt soll bis Ende 2027 fertiggestellt werden. Dann werden moderne Deiche entstanden sein, die auch einem extremen Hochwasser standhalten können, wie es statistisch betrachtet nur alle 250 Jahre auftritt – und darüber hinaus eine rund 60 Hektar große Aue, die ideale Lebensbedingungen für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten bieten wird. Das blaugrüne Leben kehrt an die Lippe zurück!

„In den Gewässerabschnitten, in denen die Renaturierung der Lippe bereits abgeschlossen werden konnte, sieht man die Unterschiede bereits sehr deutlich: Ob an der Lippe-Mündung in den Rhein bei Wesel, im Bereich Datteln und Olfen oder in Hamm – infolge der ökologischen Umgestaltung ist die Lippe flacher geworden, was zu einer Auenbildung führt, die die Artenvielfalt fördert. Die Renaturierung der Lippe geht immer auch Hand in Hand mit einer stetigen Verbesserung der Hochwassersicherheit. Diese ganzheitliche und nachhaltige Flussgebietsentwicklung ist insbesondere im Bereich Haltern-Lippramsdorf und Marl deutlich zu erkennen“, sagt Bodo Klimpel, Landrat des Kreises Recklinghausen und Vorsitzender des Verbandsrates des Lippeverbandes.

Die Eckdaten des Projektes „HaLiMa“ sprechen eine eindrucksvolle Sprache: Auf einer Gesamtlänge von 5,6 Kilometern baut der Lippeverband seit 2016 im Auftrag des Landes neue Deiche nördlich und südlich der Lippe in Haltern am See und Marl. Mit 13,5 Metern bleibt die Höhe der Anlagen zwar identisch, durch eine weniger steile Böschung fügen sie sich jedoch wesentlich besser in die Landschaft ein. Mit der Rückverlegung der Deiche geht eine deutliche Verbreiterung der Lippe einher. Sie gewinnt daher nicht nur mehr Rückzugsraum – zusätzlich hebt der Lippeverband das Lippe-Bett um fünf Meter an, um den Fluss wieder als Flachlandgewässer herzustellen. Das Ganze passiert nicht ohne guten Grund: Eine breite und flache Aue ist die Voraussetzung für die Steigerung der Artenvielfalt in und an der Lippe.

Im Norden bereits fertig, im Süden geht es gerade richtig los
Im Norden hat der Lippeverband die neuen Deiche bereits auf einer Länge von 3,7 Kilometer erstellt, mittlerweile wurden auch die Altdeiche zurückgebaut. Bis Ende 2025 wurden zudem in diesem Bereich die 42 Hektar große neue Aue fertiggestellt und die neuen Deichwege für die Öffentlichkeit freigegeben. Weitere 18 Hektar Aue entstehen bis 2027 im Zuge des im vergangenen Herbst gestarteten Bauabschnitts südlich der Lippe. Vorlaufend dazu baut der Lippeverband auf einer Länge von 500 Metern den neuen Süddeich – auch dieser rückt weiter ins Hinterland und damit näher an den Wesel-Datteln-Kanal heran. Die neue Aue entsteht dann auf der Fläche zwischen Alt- und Neudeich. Beim Rückbau des Altdeiches fallen zirka 250.000 Kubikmeter Boden an, die zur Anhebung der Lippe-Sohle in das Gewässer eingebaut werden. Dies ist erforderlich, da sich die Lippe infolge der Industrialisierung und der damit verbundenen technischen Befestigung der Flussufer immer tiefer eingegraben hat – die durch die Begradigung der Uferabschnitte erhöhte Abflussgeschwindigkeit hatte über Jahrzehnte für eine Tiefenerosion gesorgt.

Das nun zuletzt gestartete Baulos umfasst räumlich den Bereich südlich der Lippe zwischen der Lippramsdorfer Straße im Osten und der Mündung des Sickingmühlenbachs in die Lippe im Westen. Die Deiche weiter westlich, im Abschnitt zwischen dem Sickingmühlenbach und dem Oelder Weg, hatte der Lippeverband bereits in den vergangenen Jahren neu gebaut.

Neubau von Pumpwerken
Die Rückverlegung der Deiche an der Lippe bedingte auch den Neubau von Pumpwerken, die sonst mitten in den neuen Auenbereichen stehen würden. Im Norden ist anstelle des Pumpwerks Haltern-Große Mersch das Pumpwerk Haltern-Meinken neu entstanden und Ende 2018 in Betrieb gegangen, im Süden ist das neue Pumpwerk Marl-Bonenkamp seit 2021 am Start. Das alte Pumpwerk Bonenkamp wird nun vom Lippeverband zurückgebaut – ebenso auch das Pumpwerk Marl-Bramkamp, das künftig ersatzlos entfällt: Durch die Deichrückversetzung wird an dieser Stelle künftig kein Pumpwerk mehr benötigt.

Finanziell getragen wird das Projekt vom Land Nordrhein-Westfalen und der RAG Aktiengesellschaft (RAG): Sie stemmen die Baukosten von 95 Millionen Euro im Verhältnis zwei Drittel (RAG) zu ein Drittel (Land NRW). Das entspricht im Wesentlichen dem Verhältnis der Aufwendungen für die langfristige Sicherung des Hochwasserschutzes unter Berücksichtigung der Steinkohlenförderung sowie für die ökologische Verbesserung, die im öffentlichen Interesse liegt. Michael Kalthoff, Vorstandsvorsitzender der RAG, sagte anlässlich des letzten Spatenstichs im September 2025: „Wir stehen als RAG zu unserer Verantwortung für die Region. Bis 2015 wurde auf dem Bergwerk Auguste Victoria Steinkohle gefördert, mit Folgen für die Wasserwirtschaft und den Hochwasserschutz. Das Projekt „HaLiMa“ zeigt, wie ernst wir Transformation nehmen und wie wir gemeinsam mit unseren Partnern den Hochwasserschutz im Bereich Haltern-Lippramsdorf und Marl sicherstellen.“

Blaugrünes Leben kehrt an die Lippe zurück
Während der Hochwasserschutz bei dem Projekt „HaLiMa“ deutlich im Vordergrund steht, ist auch der ökologische Vorteil für die Lippe nicht zu unterschätzen. Die renaturierte Flussaue hat das Potenzial, sich in den kommenden Jahren zu einem Paradies für Flora und Fauna zu entwickeln. Die neue Infrastruktur – der blaue Fluss mit grünen Ufern – soll auch für die Menschen erleb- und erfahr gemacht werden. Der Lippeverband plant daher zur weiteren Verbesserung der Aufenthaltsqualität an der Lippe den Bau einer neuen Aussichtsplattform auf der Südseite, die einen ungehinderten Blick auf die neue Aue und das Kunstwerk „Wasserstände“ von Hermann Prigann ermöglichen wird. Über die genauen Details hierzu wird der Lippeverband noch gesondert informieren.

Das Projekt „HaLiMa“ ergänzt die Renaturierungsvorhaben des Lippeverbandes, die im Auftrag des Landes Nordrhein-Westfalen im Rahmen des Programms „Lebendige Lippe“ umgesetzt werden und der Zielerreichung der europäischen Wasserrahmenrichtlinie, eines guten ökologischen Zustands der Lippe, dienen: Bereits revitalisiert wurde die Lippe beispielsweise in Hamm, in Datteln und Olfen sowie an der Mündung in den Rhein in Wesel. Darüber hinaus hat der Lippeverband in den vergangenen Jahren die Mündungsbereiche der Nebenläufe Dattelner Mühlenbach und Schermbecker Mühlenbach ökologisch umgestaltet. Zahlreiche weitere Projekte, wie etwa die Lippe-Renaturierung in Werne und Bergkamen, folgen noch in den kommenden Jahren. Das blaugrüne Leben kehrt an die Lippe zurück!

Infokasten:

Der Lippeverband
Der Lippeverband wurde vor 100 Jahren – am 19. Januar 1926 – gegründet, um die Folgen der Industrialisierung und des Bergbaus in Einklang mit der Natur, der Gesundheit und der Lebensqualität der Menschen zu bringen. Der Verband konnte ohne größere Zeitverluste seine Aufgaben angehen, da sich die Verbandsorgane entschlossen hatten, die Geschäftsführung mit der bereits 1899 gegründeten Emschergenossenschaft zu vereinigen. Man vermied dadurch den Aufbau einer eigenen Verwaltung. Sitz des neuen Verbandes wurde Dortmund. Dort war die Sesekegenossenschaft ansässig, die bereits 1913 nach Vorbild der Emschergenossenschaft gebildet worden war und nun im Lippeverband aufging. Zuständig war der Lippeverband nicht für das gesamte Lippe-Gebiet ab der Quelle, sondern für den industriell stark geprägten Raum von Lippborg bis Wesel – inklusive der Nebenlaufgebiete. Bis heute lebt der Lippeverband als öffentlich-rechtliche Einrichtung das Genossenschaftsprinzip als Leitidee des eigenen Handelns. Weitere Informationen zum Lippeverband sowie zu Veranstaltungen rund um das 100-jährige Bestehen finden interessierte Bürgerinnen und Bürger ab dem 19. Januar 2026 auf jubilaeum.eglv.de.