Lippeverband wird 100 Jahre jung
In Wesel ist das Wasserwirtschaftsunternehmen für die aufwändige Renaturierung der Lippe-Mündung in den Rhein bekannt
Wesel. Der Lippeverband feiert in wenigen Tagen sein 100-jähriges Bestehen: Am 19. Januar 1926 erfolgte der Erlass des Lippe-Gesetzes – es gilt als die Geburtsstunde des Lippeverbandes. Eines der bekanntesten Projekte des öffentlich-rechtlichen Wasserwirtschaftsunternehmens in Wesel ist ohne Zweifel die umfangreiche Renaturierung der Lippe-Mündung in den Rhein. Die Maßnahme ist zugleich auch eine der größten Erfolgsgeschichten in der nunmehr 100-jährigen Historie des Lippeverbandes.
Seit 100 Jahren nimmt der Lippeverband in der Region – und für die Menschen in der Region – unverzichtbare Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge wahr. Dazu gehören unter anderem die Abwasserentsorgung sowie der Hochwasserschutz. Darüber hinaus gehen die wasserwirtschaftlichen Maßnahmen des Lippeverbandes immer auch mit einer städtebaulichen Entwicklung der Quartiere entlang der Gewässer einher. Mit dieser Verzahnung von Wasserwirtschaft und Städtebau verfolgt der Lippeverband im Schulterschluss mit seinen Mitgliedskommunen eine Verbesserung der Lebens- und Aufenthaltsqualität für die Bevölkerung in der Region. Der Betrieb von modernen Abwasserkanälen, Pumpwerken, Kläranlagen und Hochwasserschutzeinrichtungen bildet den Dreh- und Angelpunkt einer sozial-ökologischen Transformation: „Die Renaturierung von einst technisch überformten Flüssen und Bächen ermöglicht die Rückkehr von blaugrünem Leben in diese Gewässer sowie eine verbesserte Erleb- und Erfahrbarkeit dieser neuen Naherholungsorte für die Menschen. Unser Selbstverständnis als Infrastrukturdienstleister für unsere Mitglieder hat sich in den vergangenen 100 Jahren nicht geändert. Das Wohl der Allgemeinheit steht dabei für uns nach wie vor an erster Stelle“, sagt Prof. Dr. Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender des Lippeverbandes.
Das Wirken des Lippeverbandes in Wesel
Nach fünf Jahren intensiver Bautätigkeit war es im Mai 2014 vollendet: die Verlegung der Lippe-Mündung in den Rhein und die Renaturierung des Flussabschnittes auf 2,4 Kilometern. Seitdem hat dort die Natur das Sagen, soll sich der Fluss frei entwickeln, Flora und Fauna zurückkehren – so die Theorie. Ob dieses Wunschziel auch in der Praxis erreicht wird, überprüft der Lippeverband in Kooperation unter anderem mit der Biologischen Station im Kreis Wesel durch ein intensives Monitoring. Es umfasst die chemische und biologische Qualität des Gewässers, die Entwicklung der Pflanzen und Tiere am und im Wasser, die Vermessung der Gewässer und der Aue sowie die Wasserabflüsse bei Hoch- und Niedrigstand. Nahezu zwölf Jahre nach der Renaturierung der Lippe-Mündung ist es Zeit für ein aktuelles Zwischenfazit.
Jahrzehntelang hat sich der Mensch die Lippe untertan gemacht: Aus einem natürlichen Gewässer wurde ein eingezwängter, begradigter und belasteter Industriefluss. Heute hat sich viel getan unter anderem durch Investitionen in die ökologische Verbesserung des Flusses wie bei der Lippe-Mündung in Wesel. Der Vorher-Nachher-Vergleich zeigt es: Schmal und mit scharfkantigem Ufer wie ein Kanal und auf den letzten Metern schnurgerade floss die Lippe einst gen Rhein. Heute verläuft der Fluss breit und flach durch eine rund 100 Hektar große Aue. Naturnahe Auen sind die artenreichsten – und am meisten bedrohten – Lebensräume in Europa überhaupt. Der stetige Wechsel von feucht und trocken, schnell fließend und stillstehend, von hohen und tiefen Wasserständen lässt vielfältige Lebensräume entstehen. Mit der Verlegung der Lippe im Mündungsbereich hat der Lippeverband im Auftrag und mit Mitteln des Landes NRW aus dem Programm „Lebendige Lippe“ alle Voraussetzungen geschaffen, damit diese Lebensräume besiedelt und sich weiterentwickeln können.
Hat die Natur seit 2014 ihre neuen Chancen genutzt?
Das erste Foto nach dem Ende der Baumaßnahme zeigte reinen Sandboden im neuen Auengebiet – es schien sich mehr um eine Wüste als um eine blaugrüne Oase zu handeln. Dies war so gewollt, damit naturtypische Auenbegrünung und eigendynamische Gewässerentwicklung beste Startmöglichkeiten haben. Zwei Jahre nach dem Umbau waren erste Veränderungen sichtbar, erste Pflanzen und Tiere zeigten sich, die wichtige Pioniere der Auenentwicklung sind. Weitere Entwicklungsschritte folgten. 2022 war zu beobachten, wie sich mittlerweile größere Bäume mit weiterhin offenen Sand-Kies-Fluren abwechselten. Der Fluss hatte sich eigendynamisch verändert, die Flusssohle umgeformt und Auentümpel gebaut, in denen sich bereits Amphibien wie Frösche und Molche tummelten. Wasserorganismen und -pflanzen hatten sich ausgebreitet und bildeten nun in der Nahrungskette die Grundlage für die Ansiedlung größerer Arten.
Eldorado für Vögel, Anzahl der Fische sprunghaft gestiegen
Die neue Landschaft entpuppte sich schnell als Eldorado für Vögel: In den offen liegenden kiesigen Sandflächen bauen heute Flussregenpfeifer ihre Nester, in den Röhrichten kommen Rohrammern und Teichrohrsänger vor, im Auenwald lässt sich die Nachtigall nieder. Austernfischer, Haubentaucher und verschiedene Enten- und Gänsearten ernähren sich von dem, was die Lippe ihnen heute bietet. Zahlreiche Wintervögel haben die Lippe-Auen als Rastplatz für ihre Reise in den Süden entdeckt. Die Zahl der festgestellten Arten war direkt nach Baufertigstellung sprunghaft auf 48 angestiegen und seitdem konstant. Darunter sind auch zahlreiche gefährdete Arten der Roten Liste anzutreffen.
Auch Fische besiedeln nun wieder die Lippe. 2016 wurden an der zentral gelegenen Probestrecke 39 Individuen gefunden. 2019 waren es schon über 500. An allen vier Probestrecken zusammen betrug die Anzahl der gefangenen (und wieder freigelassenen) Fische 2019 über 6.000, vertreten waren 31 Fischarten von den 48 insgesamt in der Lippe vorkommenden Arten. Doch es gibt auch einen Wermutstropfen: Die Grundel, eine aus dem Schwarzen Meer eingewanderte (invasive) Fischart, breitet sich in der Lippe wie auch in anderen Flüssen in Deutschland aus.
Erfreulicher ist da die Rückkehr des Bibers. Inzwischen ist er an vielen Abschnitten der Lippe anzutreffen, unter anderem auch in der vom Lippeverband renaturierten Lippe-Mündung.
Programm „Lebendige Lippe“
Die Lippe ist als Gewässer erster Ordnung Eigentum des Landes Nordrhein-Westfalen. Zwischen der Mündung der Lippe in den Rhein und Lippborg führt der Lippeverband die Maßnahmen zur ökologischen Entwicklung der Lippe im Auftrag des Landes durch. Diese Projekte erfolgen mit Mitteln des Landes als Teil des Programmes „Lebendige Lippe“, mit dem der Lippeverband und das Land NRW die Maßnahmen der Wasserrahmenrichtlinie in NRW umsetzen.
Infokasten:
Der Lippeverband
Der Lippeverband wurde vor 100 Jahren – am 19. Januar 1926 – gegründet, um die Folgen der Industrialisierung und des Bergbaus in Einklang mit der Natur, der Gesundheit und der Lebensqualität der Menschen zu bringen. Der Verband konnte ohne größere Zeitverluste seine Aufgaben angehen, da sich die Verbandsorgane entschlossen hatten, die Geschäftsführung mit der bereits 1899 gegründeten Emschergenossenschaft zu vereinigen. Man vermied dadurch den Aufbau einer eigenen Verwaltung. Sitz des neuen Verbandes wurde Dortmund. Dort war die Sesekegenossenschaft ansässig, die bereits 1913 nach Vorbild der Emschergenossenschaft gebildet worden war und nun im Lippeverband aufging. Zuständig war der Lippeverband nicht für das gesamte Lippe-Gebiet ab der Quelle, sondern für den industriell stark geprägten Raum von Lippborg bis Wesel – inklusive der Nebenlaufgebiete. Bis heute lebt der Lippeverband als öffentlich-rechtliche Einrichtung das Genossenschaftsprinzip als Leitidee des eigenen Handelns. Weitere Informationen zum Lippeverband sowie zu Veranstaltungen rund um das 100-jährige Bestehen finden interessierte Bürgerinnen und Bürger ab dem 19. Januar 2026 auf jubilaeum.eglv.de.