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11.06.12
Fische wanderten früher vom Rhein die Lippe hoch
Kreis Wesel/ Kreis Recklinghausen. Nur wenige Menschen unserer Zeit haben ihn je gesehen, doch noch im 19. Jahrhundert war der Maifisch im Rhein und seinen Nebenflüssen weit verbreitet – und auf dem Speisezettel der damaligen Zeit auch. Die heringsähnliche Fischart ist in ganz Deutschland ausgestorben, in Frankreich haben Restbestände überlebt. Jetzt soll der Maifisch in der Lippe wieder angesiedelt werden.

Ein noch junger Maifisch (lat. Alosa alosa), 8 cm lang
Im Rahmen des LIFE plus-Programms der EU zur Wiederansiedlung des Maifisches im Rhein-System und zum Schutz der Restbestände der Art im südfranzösischen Girondegebiet werden in der kommenden Woche erstmals junge Maifische in der Lippe ausgewildert. Seit einigen Jahren wird in einem vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW und vom Rheinischen Fischereiverband von 1880 gemeinsam geleiteten Projekt die Wiederansiedlung der Art im Rhein vorangetrieben, der Lippeverband unterstützt die Besatzmaßnahmen. Welche Stelle für das Aussetzen der Jungfische am besten geeignet ist, wird kurzfristig noch festgelegt. Voraussetzung ist: Im Umfeld der „Besatzstelle“ sollte es Kiesbänke geben - wie an den typischen Laichplätzen dieser Art. Dafür eignet sich besonders der Lippeabschnitt zwischen Haltern-Lippramsdorf und Krudenburg im Kreis Wesel.
Der Lippeverband hat in den letzten Jahrzehnten nicht nur für eine Verbesserung der Wasserqualität durch den Ausbau von Kläranlagen gesorgt. Auch die Beseitigung von Wanderhindernissen und der Bau von Fischaufstiegen an Wehren sowie umfangreiche Renaturierungsmaßnahmen haben inzwischen wieder günstige Bedingungen für anspruchsvolle Fischarten geschaffen, darunter auch Wanderfischarten wie den Maifisch. So hoffen die Experten, zukünftig eine weitere der ursprünglich im Fluss beheimateten Fischarten wieder zum aktuellen Artenspektrum hinzuzählen zu können.
Der Maifisch (lat. Alosa alosa) zählt zu den heringsartigen Fischen, dringt jedoch anders als seine Verwandten und ähnlich wie der Lachs weit in die Flüsse vor, um sich dort an kiesigen Flussabschnitten fortzupflanzen. Dies geschieht bei Wassertemperaturen von etwa15°C und mehr, wie sie bei uns im Frühjahr erreicht werden. Während der Laichwanderung zwischen April und Juniwar der Fisch einst eine begehrte Beute der Rheinfischer und die Fische wurden vor allem im Mai, hierher rührt der deutsche Name, in vielen Gasthäusern angeboten. Jährlich stiegen hunderttausende Maifische vom Rhein in seine Zuflüsse auf, darunter ursprünglich auch in die Lippe. Allein in den Niederlanden wurden Ende des 19. Jahrhunderts jährlich bis zu 250.000 Maifische gefangen und verkauft.
Aufgrund der massiven Überfischung, der zunehmenden Wasserverschmutzung, des Baus unpassierbarer Wehranlagen und durch die Vernichtung von Lebensräumen verschwand die Fischart Anfang des 20. Jahrhunderts aus den Flüssen in ganz Deutschlands. Restbestände überlebten nur in einigen Flüssen in Südwesteuropa, darunter Garonne und Dordogne in Frankreich.
Seit 2007 erhält der Maifisch im Rhein Unterstützung durch ein EU-Projekt, in dessen Rahmen bereits rund 7 Millionen junge Maifische in Seitengewässern des Rheins ausgesetzt wurden. Damit wurde für die Wiederansiedlung des Maifisches im Rheinsystem durch die Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Hessen ein Grundstein gelegt. Das Maifisch-Projekt insgesamt wurde von der EU kürzlich sogar zum „Best of the Best LIFE Natur-Projekt 2011“ gekürt. Neben Partnern aus Frankreich und Deutschland beteiligt sich auch die niederländische Anglerorganisation an dem Artenschutzprojekt.
Die Fischlarven bzw. Jungfische werden einige Stunden an der Lippe in so genannten Rundstrombecken verbringen, wo sie sich geschützt an die neuen Bedingungen anpassen können, bevor sie in den Fluss entlassen werden. Im Laufe des Sommers und Herbsteswandern die Fische dann erst zum Rhein und von dort ins Rheindelta ab. Von dort aus werden sie bis zum Winter ins Meer übersiedeln. Wenn die Maifische all dies erfolgreich bewältigen und nach drei bis fünf Jahren Aufenthalt im Meer geschlechtsreif werden, kehren sie in den Rhein und hoffentlich auch in die Lippe zurück um sich natürlich fortzupflanzen.
© Emschergenossenschaft/Lippeverband