Naturnahe Flusslandschaften: Ökologische Verbesserungen an Emscher und Lippe

An Emscher und Lippe. Laut einer aktuellen Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen befinden sich die wenigsten Flüsse und Bäche in Deutschland in einem ökologisch guten Zustand. Um dies zu verändern, forderten nun am langen Oster-Wochenende zahlreiche Experten aus der Politik sowie von Naturverbänden weitreichende Maßnahmen zur ökologischen Verbesserung der deutschen Gewässer. Die Emschergenossenschaft und der Lippeverband haben viele der nun gestellten Forderungen bereits vor vielen Jahren in die Wege geleitet. Die bereits 1992 begonnene Renaturierung des Emscher-Systems ist weltweit eins der größten Projekte dieser Art, mit dem Lippe-Programm soll zudem der längste Fluss NRWs in den kommenden Jahren auch das schönste Gewässer des Landes werden.

Oben: Die renaturierte Emscher bei Dortmund-Deusen (Foto: Ilias Abawi/EGLV)

Die renaturierte Emscher bei Dortmund-Deusen (Foto: Ilias Abawi/EGLV)

Unten: Die neugestaltete Lippemündung in Wesel (Foto: Hans Blossey/EGLV)

Die neugestaltete Lippemündung in Wesel (Foto: Hans Blossey/EGLV)

Aufhebung von Flussbegradigungen, Deichrückverlegungen und Schaffung von naturnahen Auen – das sind nur einige der nun gestellten Forderungen seitens vieler Experten. Beim Emscher-Umbau sowie beim Lippe-Programm sind sie bereits inbegriffen.

Die Emscher
Seit 1992 plant und setzt die Emschergenossenschaft den Emscher-Umbau um. Jedes Gewässer erhält ein unterirdisches Pendant, durch das die Abwässer zu den Kläranlagen abgeleitet werden. Die oberirdischen Bäche sind damit abwasserfrei und können anschließend naturnah umgebaut werden: Die Betonsohlschalen werden entfernt, die Böschungen weiter und vielseitiger gestaltet. Dort, wo der Platz es zulässt, erhalten die einst technisch begradigten Flüsse wieder einen kurvenreicheren Verlauf.

Über einen Zeitraum von 30 Jahren investiert die Emschergenossenschaft prognostizierte 5,266 Milliarden Euro. Rund 340 von insgesamt 400 Kanalkilometern sind bislang verlegt worden, knapp 130 von 326 Kilometern an Gewässerläufen wurden schon ökologisch verbessert.

Der Oberlauf der Emscher und ihre Nebenläufe in Dortmund sind bereits seit Anfang 2010 auf einer Länge von etwa 24 Kilometer komplett abwasserfrei – und heute bereits weitestgehend renaturiert, ebenso auch die früheren Emscher-Arme Alte Emscher und Kleine Emscher im Raum Duisburg.

Anstieg der Artenvielfalt
Besonders erfreulich ist der Anstieg der Artenvielfalt an der Emscher von zirka 170 Arten Anfang der 90er-Jahre auf nunmehr 450 Arten im Jahr 2017 – zurückgekehrt sind unter anderem die Emschergroppe, der Dreistachlige Stichling und die heimische Bachforelle!

Um die Durchgängigkeit des Flusses von der Mündung in den Rhein bis zum Oberlauf in Dortmund/Holzwickede zu gewährleisten, verlegt die Emschergenossenschaft derzeit die Mündung in Dinslaken um 500 Meter nach Norden – durch den Ausgleich des Höhenunterschiedes zwischen Emscher und Rhein entfällt der „Emscher-Wasserfall“ in den Rhein, Fische von dort können künftig problemlos ins Emscher-System einwandern.

Die Lippe
Auf den ersten Blick erscheint die Lippe bereits heute recht idyllisch und naturnah. Das Schicksal der Emscher als kanalisierter Beton-lauf, als sogenannte Köttelbecke, hat die Lippe glücklicherweise nie ereilt. Nach wie vor verfügt sie über viele Kurven und Mäander – doch es könnten eben auch noch etwas mehr sein, auch im Sinne einer artenreichen Lebensvielfalt und eines verbesserten Hochwasserschutzes.

Dort, wo die Lippe begradigt ist, will der Lippeverband sie künftig wieder freier fließen lassen. Trotz einer in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbesserten Wasserqualität durch die vielen Kläranlagen des Lippeverbandes sind weitere Verbesserungsmaßnahmen insbesondere bei der Gewässerstruktur erforderlich. Diese wurden in den vergangenen Jahren im Rahmen sogenannter Umsetzungsfahrpläne erarbeitet.

Die engen Ufer der Lippe sollen natürlicher und so weit wie möglich entfesselt werden. Auen dürfen wieder unter Wasser stehen und an den Wehren werden Fischtreppen gebaut. Das natürliche Aussehen des Flusses wird wieder hergestellt, und dort, wo es möglich ist, wird die Entwicklung von Wildnis zugelassen. Die geplanten Maßnahmen dienen nicht nur der Verbesserung der Gewässerökologie, es werden auch zahlreiche neue Möglichkeiten zur Naherholung entstehen. Weil die Gewässerauen als natürliche Rückhalteflächen zusätzliche Wassermengen speichern können, wird auch gleichzeitig der Hochwasserschutz verbessert.

Einige Maßnahmen des Lippeverbandes laufen bereits bzw. sind schon fertig gestellt worden: Die Mündung der Lippe in den Rhein bei Wesel wurde bereits vor einigen Jahren neugestaltet. Am Haus Vogelsang in Datteln hat der 1. Bauabschnitt zur Lippe-Renaturierung Ende 2015 begonnen, der 2. Bauabschnitt läuft aktuell. Ebenfalls begonnen wurde im Sommer 2016 mit der Rückverlegung (!) der Lippe-Deiche im Bereich Haltern und Marl. Damit einher geht auch die Schaffung einer neuen Lippe-Auenfläche – eine Voraussetzung zur Förderung der Artenvielfalt. Weitere Maßnahmen sind unter anderem in Hamm, Lünen und Werne geplant.

Emschergenossenschaft
Die Emschergenossenschaft wurde 1899 in Bochum gegründet. Ihre Aufgaben sind die Unterhaltung der Emscher, die Abwasserentsorgung und -reinigung sowie der Hochwasserschutz. Seit 1992 plant und setzt die Emschergenossenschaft das Generationenprojekt Emscher-Umbau um. Über einen Zeitraum von rund 30 Jahren investiert die Emschergenossenschaft prognostizierte 5,266 Milliarden Euro in die Revitalisierung des Emscher-Systems.

Lippeverband
Der 1926 gegründete Lippeverband bewirtschaftet das Flusseinzugsgebiet der Lippe im nördlichen Ruhrgebiet und baute unter anderem den Lippe-Zufluss Seseke um. In das Projekt (1985 bis 2014) investierte der Lippeverband rund 500 Millionen Euro, es gilt als Vorläufer des Emscher-Umbaus. Gemeinsam haben Emschergenossenschaft und Lippeverband rund 1600 Mitarbeiter und sind Deutschlands größter Abwasserentsorger und Betreiber von Kläranlagen (rund 740 Kilometer Wasserläufe, rund 1320 Kilometer Abwasserkanäle, rund 350 Pumpwerke und fast 60 Kläranlagen).