Essen: Regenwasser wird in den Niederfeldsee geleitet

Essen. Mit gutem Beispiel geht die Stadt Essen im Bereich der Hüttmannschule in Altendorf voran: Anstatt Regenwasser in die Kanalisation zu leiten, wird das vom Himmel fallende Nass in den Niederfeldsee geleitet. Dieses Engagement wird nun belohnt: Für das Projekt an der Hüttmannschule gibt es von der Emschergenossenschaft das „Wasserzeichen“. Es steht als Symbol für einen intakten Wasserkreislauf und wird für Projekte vergeben, die sich den nachhaltigen Umgang mit Regenwasser zum Ziel gesetzt haben. Die Auszeichnung übergab Dr. Emanuel Grün, Technischer Vorstand der Emschergenossenschaft, am Dienstag an Essens Umweltdezernentin Simone Raskob.

Das Wasserzeichen übergab Technik-Vorstand Dr. Emanuel Grün an Umweltdezernentin Simone Raskob (rechts) und Schulleiterin Barbara Linden.

Das Wasserzeichen übergab Technik-Vorstand Dr. Emanuel Grün an Umweltdezernentin Simone Raskob (rechts) und Schulleiterin Barbara Linden. Foto: Peter Prengel / Stadt Essen

Die Grundschule an der Hüttmannstraße entwässerte bisher sämtliches Regenwasser in die angrenzende öffentliche Mischkanalisation. Das Regenwasser der Sporthalle und des Schulhofs wurde zwar schon getrennt vom Schmutzwasser gesammelt, aber im Straßenkanal wieder mit Schmutzwasser vermischt. Von den insgesamt rund 9000 m² befestigter Dach- und Schulhofflächen kamen so im Laufe eines Jahres über sechs Millionen Liter Regenwasser zusammen, die dem Wasserkreislauf entzogen wurden. Um dieses Regenwasser für die Natur zurückzugewinnen, gab es im Jahr 2008 die ersten Überlegungen und Untersuchungen für ein Regenwasserprojekt. Für eine Versickerung des Regenwassers waren die Voraussetzungen auf dem Schulgelände aber schlecht, weil die wenigen Grünflächen klein und intensiv genutzt sind und die Böden das Wasser schlecht versickern lassen.

Deshalb war es für die Hüttmannschule doppeltes Glück, als im Jahr 2012 mit dem Bau des Niederfeldsees begonnen wurde. Seine mehr als zwei Fussballfelder große Wasserfläche ist nicht nur attraktiv, über sie verdunstet auch ständig Wasser in die Luft und macht es damit im Sommer an seinen Ufern angenehm kühl. Das verdunstete Wasser muss nachgefüllt werden, sonst würde der See austrocknen. Das Grundwasser alleine reicht hierzu insbesondere im Sommer aber nicht aus. Der See braucht also zusätzliche Wasserquellen!

Von vielen Dach- und Hofflächen der Hüttmannschule wird deshalb jetzt das Regenwasser in den See geleitet. Dazu ist 2015 ein neuer Kanal durch die Grieperstraße zum Niederfeldsee gebaut worden, der in den See mündet. Der Kanal und die Einleitung sind zwar nicht zu sehen, aber trotzdem sehr wirkungsvoll – denn so bekommt der See Wassernachschub und die Hüttmannschule konnte trotz schlechter Voraussetzungen auf dem Schulgelände ihr Regenwasser abkoppeln.

Zusammen mit dem Regenwasser der neuen Wohnhäuser ist so die Wasserversorgung des Sees sichergestellt. Das abgekoppelte Regenwasser belastet nun außerdem nicht mehr die Kanäle und Kläranlagen. Für diese Maßnahme gab es Fördermittel des Landes im Rahmen des Stadtumbaus und der Emschergenossenschaft im Rahmen der „Zukunftsvereinbarung Regenwasser“.

Regenwasserprojekte sind mittlerweile an vielen Stellen in Essen umgesetzt, auch an anderen Schulen und Sportanlagen. Der neue Weg des Regenwassers ist zum Beispiel an der Sportanlage Raumerstraße, an der Grundschule Gerschede oder am Gymnasium Nordost zu sehen.

Hintergrund:

Der Umgang mit Regenwasser ist in den letzten Jahren immer mehr zu einem Thema in der Siedlungswasserwirtschaft geworden. Nicht nur für Städte und Planer, auch für jeden einzelnen Grundstückseigentümer gewinnt dieses Thema an Interesse, da die Entwässerungsgebühren für sauberes Regenwasser, das über die Kanalisation abgeleitet wird, oft beträchtliche Summen ausmachen. Mit der zunehmenden Versiegelung von Flächen in unseren Städten werden nämlich immer mehr Niederschläge über die Kanalisation abgeleitet. Um die immensen zusätzlichen Wassermengen bei Regenfällen abführen zu können, müssen das Kanalnetz und die Speicherbauwerke entsprechend ausgebaut werden – ein nicht unerheblicher Kostenfaktor. Beim Umbau des Emscher-Systems ist diese Form der Regenwasserableitung zudem schlecht für die Gewässer, denn ihnen geht ohne Regenwasser buchstäblich das Wasser aus.

Gründe genug, die Ableitung des Regenwassers über die Kanalisation neu zu überdenken. Emschergenossenschaft und Kommunen der Region sind sich einig: Innerhalb von 15 Jahren sollen die Abflüsse in der Kanalisation um 15 Prozent sinken – indem das Regenwasser einen anderen Weg geht. Sie versprechen sich davon Kosteneinsparungen beim Bau der neuen Kanäle und einen Gewinn für die Umwelt. Und für alle Grundbesitzer mit großen Dach- und Hofflächen kann der andere Umgang mit Regenwasser ein Weg sein, mit praktiziertem Umweltschutz Geld zu sparen. Zahlreiche namhafte Unternehmen aus der Region haben das wirtschaftliche Potential einer geänderten Regenwasserbewirtschaftung bereits erkannt und entsprechende Maßnahmen umgesetzt, die hier Jahr für Jahr beachtliche Einsparungen bei den Abwassergebühren bewirken.

Green Capital 2017

Maßgebliche Bedeutung hatte die Kooperation zwischen der Emschergenossenschaft und der Stadt Essen in punkto Regenwasserbewirtschaftung an dieser Stelle: Der Titel „Grüne Hauptstadt Europas 2017“ wurde der Stadt Essen unter anderem als Preis für eine konsequente umweltgerechte Stadtentwicklung und integrale Wasserwirtschaft verliehen. Besonders das Ziel der Zukunftsvereinbarung Regenwasser beeindruckte dabei die Jury.

Durch zahlreiche weitere Einzelmaßnahmen des Handlungspro-gramms „Neue Wege zum Wasser“ wurde in Essen nachhaltig in Regenwasserabkopplungen und Erneuerung der Abwasserinfrastruktur investiert. Durch Belebung und Attraktivierung der Nord-Süd-Achsen, Öffnung und Anbindung der Innenstadt an ökologisch weiter qualifizierte Grünbereiche, Erlebbarkeit von Wasser in der Stadt und Aufwertung angrenzender Quartiere durch lebendige Wasser- und Grünflächen wurden wichtige Impulse für die Stadtentwicklung gesetzt, sowie Vorsorge in Form von Klimaanpassungsmaßnahmen getroffen.

Derartige Maßnahmen führen zu einer maßgeblichen Verbesserung der Grün- und Wegevernetzung und der Niedrigwasserführung der Gewässer im Stadtgebiet, was einen wichtigen Beitrag für die ihre Entwicklung im Rahmen der ökologischen Verbesserung des Emscher-Systems darstellt.

Emscher-Umbau in Essen

Rund zwei Drittel des Essener Abwassers fließen in die Emscher: Zum Emscher-System zählen u.a. neben der Emscher selbst die Berne, der Borbecker Mühlenbach, der Schwarzbach, der Stoppenberger Bach, der Schurenbach und der Katernberger Bach. Im Zuge des Generationenprojekts Emscher-Umbau werden auch diese Gewässer vom Abwasser befreit und anschließend naturnah umgestaltet.

Aktuell arbeitet die Emschergenossenschaft an der Berne im Bereich Bergeborbeck. Am Schurenbach sind die Arbeiten seit diesem Frühjahr abgeschlossen. Die Emschergenossenschaft hatte das Gewässer südlich der Schurenbachhalde offengelegt. In Essen plant die Emschergenossenschaft im Rahmen des Emscher-Umbaus Investitionen in Höhe von insgesamt 615 Millionen Euro. Davon wurden bislang rund 223 Millionen Euro eingebracht. Von insgesamt 45 Kilometern an neuen Abwasserkanälen in Essen wurden bereits 19 Kilometer fertig gestellt, von insgesamt 35 Kilometern an Gewässerläufen wurden bereits in Essen 6 Kilometer renaturiert.