EIN FLUSS WIRD VON SEINEN FESSELN BEFREIT

Massive Eingriffe des Menschen haben die Lippe zu einem wasserwirtschaftlich pflegeleichten, aber naturfernen Gewässer gemacht. Das Wasser floss in aller Regel zwischen gleichförmigen Böschungen, die mit Steinen befestigt sind. Dies hatte den Vorteil, dass auch bei Starkregen für einen schnellen Abfluss des Wassers gesorgt war, eine vielfältige Auenlandschaft konnte an den Ufern aber nicht entstehen.

Platz für Mäander

Soll die Lippe wieder zu einem naturnahen Fluss werden, müssen diese Fesseln fallen. Bei rund 30 Flusskilometern ist dies inzwischen bereits vollzogen. Werden die Steinschüttungen entfernt, bilden sich rasch wieder die natürlichen Formen eines mäandrierenden Flachlandflusses aus. Typisch sind dabei das Wechselspiel von steilen Prallhängen an der Außenseite der Flusskurven und flachen Gleithängen an der Innenseite. Unter Wasser setzt sich dies Profil in Tief- und Flachwasserzonen fort, die vielfältige Lebensräume bieten. Durch die Anlage von einfachen Böschungen und Inseln kann der Fluss beim Aufbau einer möglichst vielfältigen Landschaft unterstützt werden. Eine weitere Fessel sind Uferverwallungen, Erhöhungen entlang des Flusses, welche die Entstehung regelmäßig überfluteter Auenbereiche behindern. Werden diese Verwallungen an einigen Stellen durchbrochen, kann das Gelände dahinter wieder häufiger überflutet werden. Eine ähnliche Funktion übernimmt die Anlage beziehungsweise Wiederherstellung von Flutmulden, die eine natürliche Verbindung zwischen Fluss und Aue herstellen.

Überflutung erwünscht

In den Auen bilden Stillgewässer und Blänken den Lebensraum für Tierarten wie Amphibien, Libellen, Käfer, Fische und Vögel. Blänken sind flache, zumindest zeitweise Wasser führende Mulden im Gelände, die für Tiere und Pflanzen wichtige Lebens- und Rückzugsräume darstellen. Stillgewässer sind dagegen ganzjährig mit Wasser gefüllt und bis zu zwei Meter tief. Sie frieren im Winter nicht zu und sichern auf diese Weise die Überwinterung von Pflanzen und Tieren. Die Wiesen der Aue waren ehemals feucht und standen im Winter häufig unter Wasser. Zur besseren Bewirtschaftung der Flächen wurden Drainagen und Abflussgräben angelegt und damit die Aue entwässert. Um den natürlichen Zustand wieder herzustellen, werden diese Gräben nun wieder verschlossen.

Seltene Dünenvegetation

Für einen Sandfluss wie die Lippe waren früher Sanddünen im Uferbereich typisch. Die intensive Bewirtschaftung der Auen ließ sie aber nach und nach verschwinden. Mit dem Aushubmaterial der Umbaumaßnahmen können nun wieder Dünen angelegt werden. Sie sind sehr arm an Nährstoffen und daher für bestimmte, heute selten gewordene Pflanzengesellschaften, wie beispielsweise den Sandmagerrasen, ein wichtiger Standort. Darüber hinaus bieten sie Lebensräume für Schlupfwespen, Sandlaufkäfer, Flussregenpfeifer und andere Tier- und Pflanzenarten.