Essen: Startschuss für „Essen macht’s klar“

Essen. Mit einer großen Auftaktveranstaltung im Hotel Franz ist am Mittwoch die Initiative „Essen macht´s klar – Weniger Medikamente im Abwasser“ gestartet. Mit diesem Kooperationsprojekt initiieren die beiden Wasserwirtschaftsverbände Emschergenossenschaft und Ruhrverband gemeinsam mit der Stadt Essen im „Grüne Hauptstadt“-Jahr ein vom nordrhein-westfälischen Umweltministerium gefördertes Forschungsvorhaben: Ziel ist es, neben Essens Bürgerinnen und Bürgern auch Ärztinnen und Ärzte sowie Apothekerinnen und Apotheker für den verantwortungsbewussten Umgang mit Medikamenten zu sensibilisieren.

Unterzeichnung der Absichtserklärung : Gerhard Odenkirchen, Doris Schönwald, OB Thomas Kufen, Dr. Uli Paetzel, Simone Raskob und Prof. Dr. Norbert Jardin. (Foto: Kirsten Neumann / Emschergenossenschaft)

Unterzeichnung der Absichtserklärung : Gerhard Odenkirchen, Doris Schönwald, OB Thomas Kufen, Dr. Uli Paetzel, Simone Raskob und Prof. Dr. Norbert Jardin. (Foto: Kirsten Neumann / Emschergenossenschaft)

Medikamentenrückstände im Abwasser können selbst in modernen Großkläranlagen nur teilweise herausgefiltert werden. Schwer abbaubare Medikamente landen letzten Endes im Wasserkreislauf. Die Botschaft von „Essen macht’s klar“ ist deutlich: „Abgelaufene Arzneimittel – egal ob in fester oder flüssiger Form – haben nichts in der Toilette oder im Abfluss zu suchen! Sie gehören in den Hausmüll, werden anschließend in der Müllverbrennung rückstandslos verbrannt.“ Das auf zwei Jahre angelegte Essener Forschungsprojekt soll nach Abschluss im Dezember 2018 auch auf andere Kommunen übertragbar sein!

Neben einer Projekt-Website für die breite Öffentlichkeit sind Aufklärungsmaßnahmen für Ärztinnen und Ärzte sowie Apothekerinnen und Apotheker innerhalb Essens geplant. Schon jetzt hat der Apothekerverband Essen-Mülheim-Oberhausen seine Kooperation zugesagt. Geplant sind außerdem Informationsmaterialien für Essener Bürgerinnen und Bürger direkt in den Wartezimmern bei Ärzten bzw. auch Kliniken. Im Rahmen einiger Veranstaltungen der Grünen Hauptstadt Europas wird „Essen macht´s klar“ ebenfalls aktiv werden.

Auch für Schulen, universitäre Bildung und berufliche Weiterbildung wird ein Bildungspaket geschnürt: Gemeinsam mit der Didaktik Biologie an der Universität Duisburg-Essen entstehen gerade 10 Forscherboxen für Lehrerinnen und Lehrer, die diese kostenfrei ab Ende dieses Jahres für den eigenen Unterricht ausleihen können. Die Fortbildung von Mitarbeitern in Pflegeeinrichtungen und ambulanten Pflegediensten sowie pharmazeutisch-technischen Assistenten (PTAs) steht ebenfalls auf dem Plan.

Ein ähnliches Projekt mit breitgefächerter Öffentlichkeitsarbeit wurde bereits 2013 bis 2015 vom Lippeverband, der „Schwester“ der Emschergenossenschaft, in der Stadt Dülmen durchgeführt (www.dsads.de). Für Großstädte wie Essen liegen jedoch noch keine Erfahrungen zu Sensibilisierungsmaßnahmen der breiten Bevölkerung vor. Vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung („älter werdende Bevölkerung“) ist mit steigenden Arzneimitteleinträgen in Deutschlands Gewässern zu rechnen. Neben der weitergehenden Behandlung von Abwässern in den Kläranlagen (Stichwort „Erprobung der vierten Reinigungsstufe“) und der Trinkwasserproduktion kommt auch dem menschlichen Eintragsweg große Bedeutung zu: Die Bevölkerung kann selbst dazu beitragen, möglichst wenig Medikamentenrückstände im Gewässer ankommen zu lassen.

Das Ziel von „Essen macht’s klar“ ist letztlich: Spurenstoffe werden im Abwasser am besten vermieden, indem sie erst gar nicht den Weg ins Wasser finden!

Die Emschergenossenschaft
Die Emschergenossenschaft ist ein öffentlich-rechtlicher Wasserwirtschaftsverband und wurde 1899 als erste Organisation dieser Art in Deutschland gegründet. Ihre Aufgaben sind unter anderem die Unterhaltung der Emscher und ihrer Nebenläufe, die Abwasserentsorgung und -reinigung sowie der Hochwasserschutz. Seit 1992 plant und setzt die Emschergenossenschaft das Generationenprojekt Emscher-Umbau um, in das über einen Zeitraum von rund 30 Jahren prognostizierte 5,266 Milliarden Euro investiert werden.

Der Ruhrverband
Der Ruhrverband ist verantwortlicher Träger der umfassenden Wasserwirtschaft im gesamten Flussgebiet der Ruhr mit einem System von Talsperren zur Bewirtschaftung der Wassermengen für rund 4,6 Millionen Menschen und einem flächendeckenden Netzwerk von Abwasserbehandlungsanlagen und Ruhrstauseen zur Reinhaltung der Gewässer für 60 Kommunen.

Über Grüne Hauptstadt Europas – Essen 2017
Am 18. Juni 2015 hat die Europäische Kommission der Stadt Essen den Titel „Grüne Hauptstadt Europas 2017“ verliehen. Mit dem Titel wird eine europäische Stadt ausgezeichnet, die nachweislich hohe Umweltstandards erreicht hat und fortlaufend ehrgeizige Ziele für die weitere Verbesserung des Umweltschutzes und der nachhaltigen Entwicklung verfolgt. Essen ist die grünste Stadt in Nordrhein-Westfalen und drittgrünste in ganz Deutschland. Im „Grüne Hauptstadt“-Jahr werden zahlreiche Veranstaltungen, Kongresse und Bürgerprojekte stattfinden, um nachhaltige Prozesse und Entwicklungen anzustoßen, die dauerhaft die Lebensqualität der Stadt Essen sichern und verbessern. Dabei ist die Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger von entscheidender Bedeutung. Die Stadt Essen, die als einzige europäische Stadt die Titel Kulturhauptstadt (2010) und Grüne Hauptstadt Europas trägt, startet 2017 in eine Grüne Dekade: Der Emscher-Umbau wird 2020 abgeschlossen sein, im Jahr 2022 findet die Ergebnispräsentation der KlimaExpo.NRW statt und im vergangenen Dezember erhielt die Region den Zuschlag für die Internationale Gartenausstellung 2027.

Zitate der Projektbeteiligten:
Thomas Kufen, Oberbürgermeister der Stadt Essen:
„Als Sitz dreier großer Wasserwirtschaftsverbände hat unsere Stadt einen klaren Bezug zum Thema Wasser. Von Emschergenossenschaft und Ruhrverband werden die Flusssysteme der Ruhr, der Emscher und der Lippe gesteuert sowie unser Stausee bewirtschaftet. Wir freuen uns darüber, dass die Stadt Essen als Modellstadt für diese wichtige Sensibilisierungskampagne ausgewählt wurde und hoffen, dass wir mit vielen Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch kommen und das Essener Modell auf viele weitere Städte übertragen werden kann.“

Gerhard Odenkirchen, NRW-Umweltministerium:
„Das Projekt passt sehr gut in die Spurenstoffstrategie des Landes, die neben Maßnahmen an der Quelle auch dort den Ausbau von Kläranlagen mit einer Spurenstoffelimination vorsieht, wo es die Gewässersituation erfordert. Das Projekt sensibilisiert erstmals die Bevölkerung einer Großstadt im Umgang mit Spurenstoffen. Besonders hervorzuheben ist jedoch, dass dieses Projekt im Erfolgsfall auch auf andere Großstädte übertragbar sein soll.“

Dr. Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender der Emschergenossenschaft:
„Wir blicken kritisch auf Forderungen, viel Geld in den Kläranlagenausbau zu investieren, diesmal mit dem Ziel der Eliminierung der Spurenstoffe. Neben der Tatsache, dass keines der Verfahren der vierten Reinigungsstufe alle Stoffe vollständig eliminieren kann, gilt es zu bedenken, dass der „ökologische Fußabdruck“ einer vierten Reinigungsstufe in den Kläranlagen äußerst groß ausfällt. Anders ausgedrückt: Einer weitergehenden Reinigungsleistung steht ein deutlich höherer Energieverbrauch gegenüber. Aufklärung und Sensibilisierung sind daher das bessere Mittel, um Spurenstoffe im Abwasser zu vermeiden – indem sie erst gar nicht ins Wasser gelangen!“

Prof. Dr. Norbert Jardin, Technik-Vorstand des Ruhrverbandes:
„Wir müssen mehr in der Logik des Wasserkreislaufs und der Kreisläufe anderer Stoffströme denken. Bei den Spurenstoffen heißt das ganz konkret, dass der gesamte Weg der Medikamente betrachtet werden muss: von der Produktion über den Verkauf, die Verwendung und letztlich die Entsorgung. Eine Lösung der Probleme rund um die Spurenstoffe am Ende des Weges in die Kläranlage – „end of pipe“ – ist keine nachhaltige Lösung! Unser gemeinsames Ziel muss lauten: die Vermeidung von schwer abbaubaren Stoffen möglichst bereits an der Quelle, in der Pharmaindustrie, im Gesundheitswesen oder beim Verbraucher.“

Simone Raskob, Umweltdezernentin der Stadt Essen und Projektleiterin der „Grünen Hauptstadt Europas 2017“:
„Ich sehe eine ganze Reihe von Synergien zwischen „Essen macht’s klar“ und der „Grünen Hauptstadt Europas – Essen 2017“. Denn für uns als Green Capital spielt der Gewässerschutz eine äußerst wichtige Rolle. Als Umweltdezernentin der Stadt Essen bin ich außerdem sehr zuversichtlich, dass wir mit dieser Initiative die Abwasserqualität weiter verbessern können ohne die Betriebskosten der Kläranlagen zu erhöhen – ein zusätzlicher Vorteil für die Bürgerinnen und Bürger.“

Doris Schönwald, Apothekerin und Mitglied des Projektbeirates:
„Apotheken sind Gesundheitspartner und persönliche Berater für Patienten und Kunden. Als Apothekerin sehe ich mich als Unterstützerin, Botschafterin, Multiplikatorin und „Türöffnerin“ für die Sensibilisierung in Sachen Medikamentenrückstände im Wasserkreislauf. Es freut mich sehr, dass der Apothekerverband mit allen Essener Mitgliedern gerne mitmacht. Als Vorsitzende des Projektbeirats würde ich mich freuen, wenn weitere Akteure wie Ärzte und Schulleiter und andere das Projekt aktiv unterstützen würden.“